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Arles wird mit Gehry-Kulturzentrum wachgeküsst

KUNST & KULTUR

Es ist ein bisschen wie im Märchen. Seit Jahrzehnten liegt die ebenso schöne wie verarmte und entsprechend vernachlässigte Römerstadt Arles im Dornröschenschlaf. Jetzt wird sie wachgeküsst. Aber nicht von einem Prinzen, sondern – um im Bild zu bleiben – von zwei «Prinzessinnen», denen die Zukunft der okzitanischen Van-Gogh-Gemeinde am Herzen liegt: Maja Hoffmann (61) und Françoise Nyssen (66).

Die eine hat viel Geld, die andere politischen Einfluss. Gallionsfigur auf der Reise in eine bessere Zeit ist Frank O. Gehry. Nach seinem Geniestreich mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao verspricht man sich von dem neuen Projekt des kanadisch-amerikanischen Weltarchitekten einen Boom-Effekt auch für Arles.

Die Schweizer Milliardärin Maja Hoffmann und die Kulturministerin im Kabinett Édouard Philippe, Françoise Nyssen, wollen schnell sehr viel bewegen in der ökonomisch gedemütigten einstigen Hauptstadt Galliens, die in ihrer antiken Blütezeit als Arelas auf Augenhöhe mit Massilia (Marseille) wetteiferte, heute jedoch nur noch auf einem Gebiet zu den Spitzenreitern in Frankreich gehört: bei den Arbeitslosen.

Ich radele nach Jahren einmal wieder von Süden stadteinwärts, vorbei an den alten Römerarkaden, die Route de la Crau entlang, deren Flanken ich bisher nur als Wüste von Fabrikruinen wahrgenommen hatte. Heute herrscht hier Aufbruchstimmung. Baustellen, soweit das Auge reicht. Mittendrin schraubt sich ein komisch-krummes Gebilde gen Himmel, wie ein schmilzender Eispalast. «Was soll das denn geben?» frage ich einen Passanten und höre, hier habe soeben «die Zukunft» begonnen. Der pathetische Visionär erweist sich bald als kundiger Lokalpatriot. Er weiß: Wir stehen vor einem der größten privaten Kulturprojekte Europas. Ziel sei, die Industriebrache in ein «Zukunftslabor» zu verwandeln, in einen «Kreativ-Campus für Kunst, Innovation, Umweltschutz und Menschenrechte».

Turm der Ressourcen

Maja Hoffmann, der zahlreiche international renommierte Museumsmacher und Künstler assistieren, will, dass hier ein «Thinktank für Weltprobleme» entsteht. Mit Museen, Theatern, Künstlerresidenzen, einem Forschungs- und Ökolabor, einem multimedialen Experimentierfeld und einem ausgedehnten Freizeitpark. Herzstück ist der silbergrau-glänzende «Turm der Ressourcen», der bewusste «Eispalast» von Gehrys Reißbrett – neun Etagen, 56 Meter hoch, zwei Untergeschosse. Die Basis des Turms, der 2019 vollendet sein soll, ist umgeben von einer Glasrotunde, die auf die örtliche Arena anspielt. Am Ende wird die schrille Fassade aus 11 500 Aluminiumkästchen bestehen, alle unterschiedlich groß und perforiert. Sie sollen Van Goghs Pinselstriche zitieren, heißt es.

Und als wenn man nun auch gar keine Zeit mehr verlieren dürfe, hat es auf der Riesenbaustelle schon in diesem Jahr etliche Kulturevents gegeben. Ein Tanzprojekt, Teile des Fotofestivals, die Luma-Days, an denen Künstler, Designer und Ökologen aus den Überresten von Meeresalgen Becher und Geschirr aus dem 3D-Drucker, Möbel aus Abfallprodukten von Sonnenblumen sowie Bauplatten aus den Schalen von Reiskörnern erzeugten.

Die einstigen Skeptiker des Aufschwungs sind unterdessen weitgehend verstummt. Die in kurzer Zeit geschaffenen Fakten haben sie Lügen gestraft. Zwei weitere Gebäude, die Hoffmann in Arles gekauft hat, werden zurzeit zu Luxushotels umgebaut. Das Hôtel du Cloitre ist bereits eröffnet. Die Dekoration hat die global tätige India Mahdavi besorgt. Vor der Toren der Stadt, aber schon in der Camargue, hat Hoffmann zudem ein Landrestaurant erworben, das als erstes Biorestaurant einen Stern bekam.

Von Ruinen allein kann man nicht leben

Die Zeiten, in denen man an der Kreuzung von Via Agrippa und Via Aurelia vom Speck einer legendären Vergangenheit zehren konnte, sind vorbei. Die Arlésiens haben begriffen: Von Ruinen des klassischen Altertums und deren Status als Weltkulturerbe allein und ein paar Olivenöl-Pressen und etwas Schafzucht kann man nicht existieren, wenn einem zuvor das wirtschaftliche Rückgrat gebrochen wurde. Und genau so ist es der flächengrößten Stadt Frankreichs ergangen: Ende des 20. Jahrhunderts wurden zunächst die Werkstätten der französischen Eisenbahn (SNCF) mit ihren 1200 Beschäftigen dichtgemacht, dann eine große Papierfabrik. Für die überkommene Monostruktur fand sich keine Alternative. Andere Industriezweige konnten die Arbeitsplatzverluste nicht ausgleichen.

Was als Haupteinnahmequelle blieb, ist der Tourismus. Aber auch der kam trotz der fulminanten Geschichte der einstigen Militärkolonie Caesars und ehemaligen Hauptstadt von Burgund, wo 1179 Barbarossa zum König gekrönt wurde, nicht so recht in Schwung. Es gelang einfach nicht, moderne Publikumsmagneten zu etablieren. Dabei waren die Bemühungen durchaus vielversprechend: Durch das Engagement des weltbekannten Arler Aktfotografen und Picassofreundes Lucien Clergue wurde die Stadt Sitz der Nationalen Hochschule für Fotografie und stieg nach zahlreichen international beachteten Veranstaltungen wie den jährlichen Rencontres d’Arles zur unangefochtenen europäischen Metropole der Fotografie auf.

Um noch stärker ins Bewusstsein zu rücken als bisher, dass Vincent van Gogh hier die kreativsten Jahre (300 Gemälde in 15 Monaten) seines kurzen Lebens verbrachte, schenkte Maja Hoffmanns Vater Luc LaRoche der Stadt die Fondation van Gogh. Und das wunderbare Museum Réattu am Ufer der Rhône kann immerhin mit einer ganzen Etage von 57 meist wenig bekannten Picassos aufwarten, die der Spanier, der gern zum Stierkampf ins Amphitheater kam, zwei Jahre vor seinem Tod speziell für das Museum gezeichnet und seinem Freund, dem damaligen Museumsdirektor, verehrt hatte. Was ebenfalls die wenigsten wissen: Van Goghs «L’Arlésienne» hat Prosper Merimée zu seinem Libretto für die Oper «Carmen» inspiriert.

Kaum etwas erinnert heute in Arles noch an die großen Künstler alter Zeiten

Zum Durchbruch reichte dies alles nicht. Kein Wunder. Wer kennt schon Jacques Réattu? Sicher: Van Goghs Gemälde wie die seines zeitweiligen Mitbewohners Paul Gauguin sind zwar auf allen Kontinenten der Erde zu sehen, kein einziges aber in Arles, wo sie entstanden. Das berühmte gelbe Haus, in dem der niederländischen Künstler 1888/1889 wohnte, existiert nicht mehr; es wurde im 2. Weltkrieg von Bomben zerstört. Goghs «Nachtcafé» wurde zum Van-Gogh-Café und verkam zum Ballermann des Impressionismus. Und die «Brücke von Langlois» an der Montcalde-Schleuse (heute Van-Gogh-Brücke) ist ebenfalls nicht die echte. Die lag 800 Meter weiter. Die berühmte Venus von Arles schließlich, die hier ausgegraben wurde, musste in den Louvre umziehen.

Und dann ist da noch ein Manko: Zwar gehören große Teile der Camargue zu der Stadt am Jakobsweg (Via Tolosana). Das Mittelmeer aber ist 24 Kilometer weit weg.

Das Engagement der Teilerbin des Basler Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche ist nachvollziehbar: Die Kunstsammlerin und Mäzenin ist in dem schwindsüchtigen 50 000-Einwohner-Städtchen aufgewachsen. Teile des Jahres verbringt sie immer noch hier. Mit ihrer ehedem Zürcher Luma-Stiftung, die sie nach ihren Kindern Lukas und Marina benannt hat, ist sie 2014 nach Arles umgezogen. Im selben Jahr hatte ihr inzwischen verstorbener Vater sein Van-Gogh-Museum eröffnet.

Die Pläne seiner Tochter, die eng mit Rathaus und Industrie- und Handelskammer zusammenarbeitet, sind von deutlich breiter streuendem Kaliber. 150 Millionen Euro hat sie bereits investiert. Davon kaufte sie das stillgelegte Reparaturwerk der Bahn. Auf dem zehn Hektar großen Grundstück – künftig «Parc des Ateliers» – stehen fünf zum Teil schon bespielbare Gebäude. Regie führt auf der Baustelle Annabelle Selldorf. Die deutsch-amerikanische Architektin ist durch etliche Galerien und Museumsbauten hervorgetreten, insbesondere die Renovierung der Neuen Galerie in New York.

Hoffen auf Bilbao-Effekt

Auch die Macronistin Françoise Nyssen ist mit Arles persönlich verbunden. 1980 wurde die umweltbewusste studierte Stadtplanerin belgischer Herkunft von ihrem Vater an den von ihm gegründeten Buchverlag «Actes Sud» geholt, den sie seit 1987 erfolgreich leitet. Sie fördert aktiv die örtliche Kunst- und Kulturszene. 2014 gründete sie nach dem Muster der Waldorfschule eine Schule für Kinder mit Lernproblemen. Zuletzt verschaffte sie dem Musée Réattu durch eine große Retrospektive (wir berichteten im November/Dezember-Heft 2017) nationale Anerkennung.

Bilbao war bis vor 20 Jahren ein erbärmliches Hintertupfingen. Bis dort 1997 Gehrys Guggenheim-Museum eröffnet wurde. Der Bau, der über Nacht in die Architekturgeschichte einging, ist seither von weit über zehn Millionen Menschen besucht worden. Heute gehört die ehedem so triste nordspanische Stadt zu den begehrtesten Reisezielen Europas. Sie ist an dem Museum genesen.

Rolf Liffers