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Au revoir, Petra Hall! Zeitungsgründerin startet in neues Leben

MENSCHEN

Petra Hall, Gründerin und Chefredakteurin der RIVIERAZEIT – ehemals Riviera-Côte d’Azur Zeitung – schuf ein Bollwerk deutscher Kultur in Frankreich. Nach 26 Jahren startet sie nun in ein neues, entspannteres Leben. Für unser Magazin heißt das: Generationswechsel. Aila Stöckmann übernimmt die Redaktionsleitung.

Eine starke Frau hat den rund 60.000 deutschsprachigen Aliens an Côte d’Azur und italienischer Riviera, zwischen Marseille und Genua, eine unüberhörbare Stimme gegeben: Petra Hall. Unermüdlich hat sie Zugezogenen das soziale und praktische Rüstzeug vermittelt, das zum Verständnis und zur Bewältigung der sich ständig wandelnden Regeln des fremden Landes nötig ist. Sie hat ihnen beigebracht, Eingeborenen und Behörden höflich, korrekt und selbstbewusst, aber nicht devot gegenüberzutreten. Sie hat ihnen vorgelebt, Konflikte unter Nachbarn verschiedener Kulturen friedlich zu lösen. Das Instrument dazu hat sie sich selbst geschaffen, indem sie die einstige «Riviera-Côte d’Azur Zeitung» gründete, aus der die heutige «RivieraZeit» hervorgegangen ist. Jetzt zieht sich die Chefredakteurin in ein (Zitat:) «entspannteres Leben» zurück. Als Vermittlerin von gegenseitigem Respekt blickt sie auf eine enorme Lebensleistung zurück. Für ihre journalistischen Nachfahren Verpflichtung, ihr humanistisches Erbe zu bewahren und ihre Ideen weiterzuentwickeln.

Das gab’s noch nie: Die Chefin nicht da! Seit sie vor Jahrzehnten ihre Zeitung erfand, hat Petra Hall nie gefehlt. Nun werden wir bald fast ganz ohne sie auskommen müssen. Nach 26 Jahren unter Dauerstress, nach 308 RZ-Ausgaben und 178 englischsprachigen Magazinen („Riviera Insider“, ehemals „Riviera Times“) wohl zu verstehen. Und doch tut es weh. Ihr selbst fällt der Schlussstrich angeblich leichter.  «Ich freue mich echt diebisch auf eine entschleunigte Freiheit, in der ich tun und lassen kann, was ich will», sagt sie ohne rückwärtsgerichtetes Pathos. Weil wir sie lieben, freuen wir uns (wenn auch zähneknirschend) mit ihr.

Nichts ist dem Journalisten schwerer, als lobende Worte zu formulieren. Insofern trifft es mich hammerhart, für «ein paar würdigende Abschiedsworte» auserkoren zu sein. Über diese Frau lässt sich verflixt nochmal einfach nichts Nachteiliges sagen, und das nervt. Bei Nachrufen kann man sich wenigstens sicher sein, für seine Worte anschließend nicht in Anspruch genommen zu werden. Aber die Chefin ist quicklebendig, und es steht zu fürchten, dass sie meckert, wenn sie dies hier liest, obwohl sie dann ja Gott sei Dank nichts mehr zu sagen hat.

Sie passt in kein Klischee

Ich zieh mich am besten aus der Affäre, indem ich andere zitiere. So wird den Chefredakteuren der großen Namensschwester aus ihrer Hamburger Heimat («Die Zeit») nachgesagt, jeweils über zwei scheinbar unvereinbare individuelle Stärken verfügt zu haben: Sie waren zugleich «forsch und reflektiert», «kantig und geschmeidig», «traditionsbewusst und innovativ», «weltläufig und bodenständig», italophil, frankophil und anglophil. Petra Hall hat von alle(n)m etwas. Sie passt in kein Klischee, ist durch und durch Individualistin – etwas unberechenbar sicherlich, aber immer gut für Überraschungen und daher nie angepasst und langweilig.

Die «überraschend positive Reaktion der Leser» bewies ihr schon bald, eine echte Marktlücke erkannt zu haben. Umso schwerfälliger folgten ihr die «Institutionen», wie sie es diplomatisch ausdrückt. «Jahre vergingen, bis diverse Betonköpfe endlich begriffen hatten, was die deutschsprachige Zeitung aus eigener Kraft geworden war: ein Meinungsmacher mit außergewöhnlicher Leser-Blatt-Bindung.» Angesichts wirtschaftlicher Engpässe habe sie bisweilen Klinken putzen müssen. «Je öfter ich aber vor die Wand lief, desto dicker wurde meine Elefantenhaut.» So mutierte die ehrgeizige und ehedem so zartbesaitete Redakteurin zu einer beinharten Kämpferin, die bei allem nie aus den Augen verlor, wofür sie brannte. Ihr Herz blieb stets am rechten Fleck.

Anders hätte ihr Blatt wie vor ihm schon ein paar andere Midi-Gazetten deutscher Zunge nicht überleben können. Dabei hat sie sich nie verbiegen lassen, hielt auch in stürmischer See stets Kurs und stand zu ihren Prinzipien. Das ging nur über Qualität. Hierzu versammelte sie um sich ein Team erfahrener, muttersprachlicher Journalisten, die in der Lage waren, vor Ort zu recherchieren und nachprüfbare Informationen zu liefern. Und mit dem guten Ruf, der ihrer Zeitung vorausging, konnte sie bald auch prominente Gastkolumnisten an Bord holen: Klaus Harpprecht, Jürgen Rüttgers, Heiko Engelkes, Ulrich Wickert, um nur einige zu nennen. 

Bester Beweis für ihren ungebrochenen Mut war die Themenauswahl. Unerschrocken packte sie Umwelt- und Verkehrsprobleme an. Ohne Rücksicht auf Lobbyisten deckte sie die oft menschengemachten Ursachen von Algen- und Ölpest sowie Insektenplagen auf, ging mit Brandstiftern, rücksichtslosen Verkehrsrowdys und marodierenden Räuberbanden ins Gericht und brachte Entscheider aus unterschiedlichen Lagern miteinander ins Gespräch. Dazu schuf sie teilweise selbst die  Foren, zum Beispiel Spalten für alltägliche Steuer- und Rechtsprobleme.

Abgerundet wird das unverwechselbare Blattformat durch jede Menge unterhaltende Beiträge. Das Spektrum reicht von sehr persönlichen Ausflugs-, Restaurant- und Gartentipps, Kultur-, Geschichts-, Natur-, Sport- und Freizeitreportagen bis zu informativen Interviews mit Diplomaten, Bankern, Juristen, Immobilienexperten, Handwerkern und anderen Dienstleistern sowie vielen Portraits von zugewanderten Nordlichtern, die sich im Süden eine Existenz aufgebaut haben, und natürlich den vielen internationalen Stars aus Film, Musik, Kunst und Literatur, die die Riviera für das Paradies auf Erden halten.

Heute ist Petra Halls seit den Tagen der «Riviera-Côte d’Azur Zeitung» mehrfach gehäutete RIVIERAZEIT die einzige rein deutschsprachige Zeitung Frankreichs. Sie erreicht rund 100 000 Leser. Selbst die traditionell deutschsprachigen Regionen Elsass und Lothringen haben im Gefolge der französischen Sprachpolitik keine komplett deutschsprachige Zeitung mehr, sondern bestenfalls zweisprachige Blätter. Insofern hat sich Petra Hall nicht nur als Journalistin, Chefredakteurin, Herausgeberin hervorgetan. Vor allem als Fels deutscher Kultur in der Brandung des Mittelmeerraums hat sie einen Orden verdient.

Rolf Liffers

 

 

Petra Hall – eine internationale Karriere

Petra Halls Vater ist in Dänemark geboren, ihre Mutter in Westfalen. Sie selbst empfindet sich als waschechte Hamburgerin. 20 Jahre hat sie dort gelebt, bevor es sie in den Süden verschlug. «Und deshalb fließt noch immer hanseatisches Blut in meinen Adern», sagt sie. Daher wird sie immer wieder dorthin fahren. Leben aber will sie weiter in Nizza.

Ihre erste Frankreichreise unternahm Petra Hall mit 17. Mit einem Philatelistenverein gelangte sie nach Fréjus. «Die Lebensart, das Klima, die Ratatouille, die Palmen und der südfranzösische Charme nahmen mich gefangen, und dieses Virus sollte mich nie mehr verlassen.» Mit 23 fuhr sie abermals an die Riviera, verliebte sich und heiratete mit 25 einen eingeborenen Ligurer.

Von Haus aus ist sie Lehrerin. Sie unterrichtete in Deutschland und Italien. Als ihre eigentliche Berufung stellte sich jedoch nach und nach der Journalismus heraus. Sie war freie Mitarbeiterin der «Süddeutschen Zeitung», der «Welt» und des Merian. 1992 gründete sie ihre eigene, grenzüberschreitende Zeitung, die monatlich erscheinende «Riviera Côte d’Azur Zeitung», deren Aufbau sie sich leidenschaftlich verschrieb. 2002 kam die englischsprachige «Riviera Times» (mit der «Monaco Times») hinzu und 2003 der italienische «Corriere della Costa Azurra». «Ich war sicher, alle würden mir um den Hals fallen ob dieser Formate». Doch das Gegenteil war lange der Fall. Immer wieder wurden ihr Steine in den Weg gelegt. «Ich hatte die Rechnung ohne die Sprachbarriere gemacht». Dennoch ließ sie sich nie beirren.

2015 bahnte sich der Generationswechsel an. Ein junger französischer Unternehmer hob den Verlag «Riviera Press» aus der Taufe. Aus «Riviera-Côte d’Azur Zeitung» wurde «RIVIERAZEIT». Im Januar 2016 wandelte sich die neue, nun alle zwei Monate erscheinende Publikation zum Edel-Magazin mit doppelt so viel redaktionellem Inhalt und damit größerem Spielraum für professionellen Journalismus.

Petra Hall geht mit Frieden in der Seele. Getriebenheit und Fremdbestimmung sind passé. Jetzt wird gelebt, damit es ihr eines Tages nicht ergeht wie der Dichterin Colette, der erst in hohem Alter bewusst wurde, «was für ein herrliches Leben ich hatte. Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.»

Und was bedeutet solch späte Erkenntnis  für Petra Hall? «Ich werde mehr reisen, mehr lesen, mehr kochen, mehr wandern. Ich werde ganz entspannt Musik hören, Mozart, Puccini, die Beatles, Johnny Cash.» Und sie wird endlich Zeit haben für ihre beiden Töchter und Enkel in Ligurien und Amerika.

Gelegentlich wird sie gewiss auch schönen Erinnerungen nachhängen, unvergesslichen Begegnungen mit Mario Adorf, Sir Cliff Richard, den Scorpions, Fürst Albert und Brigitte Bardot. Ihre treuen Mitarbeiter hoffen, dass sie sie oft besuchen kommt und von der Arbeit abhält.

RL