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Der Sommerhit "Bella Ciao" tönt von allen Stränden

KUNST & KULTUR

Die Partygäste am Strand von Nizza juchzen schon, wenn die ersten Takte des Sommerhits 2018 anklingen. Dann geraten ihre leicht geschürzten Leiber in rhythmische Schwingungen, und am Ende bricht es aus vollem Halse aus ihnen heraus: "Bella Ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao!" Der Ohrwurm ist alles andere als neu, erlebt in diesem Jahr aber eine ungeahnte Renaissance. Nur weiß heut´ so gut wie niemand mehr, dass es sich bei dem Gassenhauer um ein traditionsreiches Rebellenlied handelt, das von Kämpfern kündet, die für die Freiheit einst ihr Leben ließen. Ebenso unbekannt dürfte sein, dass der vermeintliche Schlager linguistisch gesehen mit zu den Wegbereitern des weltberühmten Grüßchens "Ciao" gehört. Einer, der das alles weiß, ist DJ Hugel aus Marseille, aktueller Einpeitscher des Evergreens an der ganzen Côte d’Azur. Mit seinem Publikum aber spricht er nicht wieder. Die wollen nur Musik, Spiel und Tanz und dass man sich total vergnügt.

Selbst dem deutschen Fernsehen ("Titel, Thesen, Temperamente") ist die durchschlagende Wirkung dieses Remix des alten italienischen Partisanenlieds "Bella Ciao" nicht entgangen. Hugel hat den Song nur neu aufgelegt: "Das Stück macht den Leuten einfach immer gute Laune. Sie kommen nach vorne und machen Fotos mit ihren Telefonen", sagt er vor der Kamera. "Sie warten regelrecht darauf, dass ich es spiele. Es ist jedes Mal der Höhepunkt meines Auftritts, der intensivste Moment."

Der Relaunch antifaschistischen Liedguts als rein kommerzieller House- und Dance-Track ist trotzdem kein Zufall. Seit 15 Jahren legt Hugel Platten auf und mixt Stücke zusammen, die Altes mit Neuem verbinden. Er stammt aus Marseille, einem ethnischen und musikalischen Schmelztiegel, wo Migranten aus dem ganzen Mittelmeerraum ihre Lieder sangen – darunter "Bella Ciao".

"Das Lied haben wir in Marseille schon als Kinder gehört. Ein Lied, das immer da war. Es wurde in allen korsischen und italienischen Bars und Restaurants gesungen, überall, wo Sänger und Gitarristen auftraten – es gehörte einfach zu ihrem Repertoire", erinnert sich Hugel.

Nicht nur in Marseille – es wurde in ganz Europa gesungen. Von der italienischen Diva Milva, von dem Liedermacher Hannes Wader mit deutschem Text oder von dem russischen Pyatnitsky-Chor, mit viel Seele. Goran Bregovic wiederum verwandelte es in einen knalligen Balkan-Kracher.

Die ursprüngliche Version von "Bella Ciao" entstammt dem frühen letzten Jahrhundert. Die Reisbäuerinnen in der italienischen Po-Ebene sangen von der Jugend, die zu schnell vergeht, und von der Arbeit auf den Feldern. Eine Art Protestsong, findet Hugel, der sich mit der Geschichte des Liedes befasst hat: "Die Frauen beklagten ihre Arbeitsbedingungen. Es war sehr hart den ganzen Tag lang mit krummem Rücken zu schuften. Davon handelt das Lied. Später wurde es umgeschrieben – zum Kampflied gegen die deutschen und italienischen Faschisten."

In den vierziger Jahren war "Bella Ciao" das Lied der Partisanen, die gegen Hitlers und Mussolinis Truppen kämpften. Ein Lied über Rebellion und den gewaltsamen Tod, der jedem Widerstandskämpfer drohte. Arbeiter- und linke Bewegungen übernahmen es. Dann geriet es langsam in Vergessenheit.

Jetzt erlebt der Song einen neuen Popularitätsschub – dank der Netflix-Serie "Das Haus des Geldes", in der die Bankräuber nach jedem gelungenen Coup "Bella Ciao" singen. Logisch – sie unterminieren das System. Der Kopf der Bande, "El Professor", versteht sich als moderner Robin Hood.

Als Hommage an die Serie spielt auch Hugel in seinem Videoclip mit der Figur des Bandenchefs "El Professor". In Anspielung auf die politische Geschichte des Songs lässt er Typen mit Anonymus-Masken durchs Bild laufen. Die Partygänger, die das Stück zum Sommerhit gemacht haben, dürfte die Historie von "Bella Ciao" allerdings wenig interessieren, räumt auch Hugel ein: "Es würde mich wundern, wenn sich die Leute beim Strandurlaub den Kopf über die politische Bedeutung des Songs zerbrechen würden. Italien bildet da eine Ausnahme. Dort versteht man den Text des Liedes, Kinder singen es in der Schule. Es ist Teil der politischen Kultur. »

Seit Matteo Salvini zum Innenminister ernannt wurde, ist das Lied in Italien um eine politische Facette reicher geworden: Es ist heute die Anti-Salvini-Hymne, die überall auf Demos erklingt. Wo immer der Innenminister auftaucht, wird er mit dem Lied empfangen beziehungsweise zum Teufel gewünscht.

Für Hugel hat der Song etwas Verbindendes: "Dieses Lied vereint die Leute schon seit einem Jahrhundert, und es vereint sie noch heute. Selbst ein moderner Remix schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Man erlebt es auf den Festivals. Die Leute tanzen und singen und fühlen sich einander nah.“

Dem SZ-Korrespondenten Oliver Meiler (Rom) ist "das Besondere, das Kämpferische des Ciao" in diesen politisch konfusen Zeiten sogleich unter die Haut gegangen. "Bella ciao", Hymne der Antifaschisten und Linken, sei nicht von ungefähr wieder in Mode gekommen. Es beginnt "Eines Morgens wachte ich auf / oh bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao / eines Morgens wachte ich auf / und traf auf den Feind."

Es komme nun tatsächlich vor, dass Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen und zuweilen faschistoiden Lega bei Auftritten von Gegnern mit dem alten Widerstandslied bedacht wird. Auch ganz spontan. "Viral" wurde kürzlich das Handyvideo aus einem Flughafenbus in Rom. Der Politiker stand inmitten anderer Passagiere, der Bus brachte sie zum Flieger nach Brindisi. Dann hob einer an: "Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao." Und andere stimmten ein: "Ciao, ciao, ciao."

Meiler hat aber auch die linguistische Unterwanderung der Welt durch das kleine Wörtchen Ciao an sich interessiert. Nur das Wort Pizza sei bekannter.

Folglich begehen die Italiener – bekanntlich stets auf der Suche nach einem Grund zu feiern – heuer den 200. Geburtstag ihres liebsten Grußes, der sich in den Sprachalltag vieler Länder geschlichen hat, vielleicht noch mehr als Hello, Hallo und Holà.

Natürlich ist Ciao eine Spur familiärer als Hallo, aber eben auch lieblicher und praktischer, weil es sowohl zur Begrüßung wie zur Verabschiedung dient, findet Meiler. Das c ist ein klares "tsch", es schluckt das i, das a dient nur als kurze Brücke zum offenen o, das sich dann fast beliebig lang dehnen lässt. Je südlicher man geht in Italien, desto stärker dehnt es sich: tschaooo. Im Ciao klingt die ganze lebensleichte, stets duzende Italianità an. Vielleicht schafft das kein Wort besser.

1818 tauchte "Ciao" erstmals schriftlich auf, in einem Brief des toskanischen Tragödienschreibers Francesco Benedetti. Der arbeitete an der Mailänder Scala. "Diese guten Mailänder", schrieb er einem Freund, "grüßen mich jetzt mit ciau Benedetti." Die Norditaliener dehnen das O nicht so üppig wie die Süditaliener, es hört sich daher wie u an. Das umgängliche Ciao, erklären nun Sprachwissenschaftler, stammt vom lateinischen "sclavum", Sklave, ausgerechnet. Im Veneto und im Friaul grüßte man vom 15. Jahrhundert an mit "s'ciavo", einer phonetischen Anlehnung an sclavum, um dem Gegrüßten respektvollste Untertänigkeit zu versichern.

Die Mutation ist also noch gar nicht lange her, hat Meiler recherchiert. Richtig populär wurde Ciao erst im vergangenen Jahrhundert. Einen Beitrag leistete Johnny Dorelli beim Schlagerfestival von Sanremo 1959, als er "Piove" dahinschmachtete, im Refrain heißt es: "Ciao ciao bambina." Das Ciao zog sich jetzt durch Filme des neorealistischen Kinos, es trug in sich die Leichtigkeit des "Miracolo economico", des Wirtschaftswunders nach dem Krieg. Piaggio nannte einen Motorroller "Ciao", ein beliebter Brotaufstrich hieß "Ciao Crem". Und als Italien 1990 die Fußball-WM ausrichtete, nannte es sein Maskottchen, ein Strichmännchen in der nationalen Trikolore, "Ciao". Weltmeister allerdings wurde trotzdem Deutschland.

Rolf Liffers