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"Der wache Träumer" Chagall wird in Münster geehrt

KUNST

Was wäre aus Marc Chagall ohne Ambroise Vollard geworden? Was ohne die revolutionäre Idee des Pariser Galeristen und Verlegers mit dem untrüglichen Instinkt für große Talente, Buchillustrationen nicht länger nur Handwerkern (Graveuren) zu überlassen, sondern immer öfter Künstlern anzuvertrauen? Er, der sich als einer der ersten Kunsthändler für van Gogh und Gauguin interessierte, später Cézanne, Renoir, Redon, Toulouse-Lautrec, Sisley, Bonnard und viele andere mit moderner Druckgrafik beauftragte und 1901 den völlig unbekannten 20-jährigen Ruiz (Picasso) auszustellen wagte, gab auch Chagall eine erste große Chance: Er ließ ihn "Die toten Seelen" von Gogol bebildern. Durch Vollard wurden bibliophile Malerbücher zu immer nachgefragteren Sammel- und Handelsobjekten.

Durch Vollard nahm auch Chagalls Leben (1887-1985) eine unverhoffte Wende. Weil der Mäzen für jede Radierung anstandslos bezahlte, ging die "Zeit der mageren Kühe" für den jungen Maler, der in dieser Technik zuvor schon Blätter für den Berliner Kunsthändler Paul Cassirer gefertigt hatte, rasch ihrem Ende entgegen. Hinzu kam ein lukrativer Vertrag mit dem Kunsthändler Bernheim. Bald konnte der russisch-jüdisch-stämmige Grafiker, der 1937 französischer Staatsbürger wurde, nicht nur seine Familie ordentlich ernähren, sondern sich auch die Welt ansehen. Auf zahlreichen Reisen weitete die unruhige Seele ihren Horizont und landete schließlich im Frühling 1926 in Mourillon (heute Stadtteil von Toulon); danach ging es nach Nizza, wo er endgültig dem provenzalischen Licht sowie dem Charme der Côte d’Azur verfiel und daher von nun hier an leben wollte.

Zuvor verbrachte er noch eine Zeit in der Auvergne, in Chatelguyon und Saint-Jean-de-Luz, mit Robert Delauney im Raum Carcassonne, Albi und Montauban, bevor die beiden Aristide Maillol in Collioure besuchten. Chagall bereiste auch Deutschland und die Niederlande. Vor 80 Jahren dann aber – 1938 – war Schluss damit. Angesichts der politischen Unruhen und der wachsenden Bedrohung durch Hitler – in Deutschland wurden Chagalls Werke für entartet erklärt – floh der verfolgte Maler von Paris nach Süden und ließ sich bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im südfranzösischen Gordes (Vaucluse), im unbesetzten Vichyfrankreich des Generals Pétain, nieder, der letzten Etappe vor dem Exil via Marseille, wo er 1941 bei einer Polizeirazzia vorübergehend festgenommen wurde, bis ihn Varian Fry über Lissabon in die USA ausschleusen konnte.

Nach dem Krieg zog Chagall dann nach Vence und später in die Villa "La Colline" nach Saint-Paul-de-Vence. Ein paar Orte weiter, in Vallauris, hatte sich soeben Picasso etabliert. Dass sich die beiden Künstler – wie vielfach kolportiert – nicht ausstehen konnten, stellt der inzwischen 97-jährige Chagall-Biograf Charles Sorlier in dieser Form in Abrede. Es habe zwischen ihnen auch keine Eifersucht gegeben. Richtig sei wohl, dass sie keine gemeinsamen Bezugspunkte gehabt hätten und sich daher auch nie befreundeten.

Nun führt das "Schicksal" Chagall und Picasso (1881-1973) posthum wieder zusammen, und zwar in Deutschland. Genauer: Im Picassomuseum in Münster, wo seit gestern mit über 120 Werken die große Ausstellung "Der wache Träumer" läuft (bis 20. Januar 2019). Unter den Leihgaben stammen etliche aus dem Centre Pompidou in Paris, dem Musée Cantini in Marseille sowie aus Privatbesitz.

Parallel zur Haupt-Präsentation, die Chagalls surreale Bildwelten widerspiegeln, vereint eine Studioausstellung die Höhepunkte surrealistischer Buchkunst. Denn auf diesem Gebiet ist das Picassomuseum durch die Zustiftung des Essener Sammlerpaares Classen hochgradig gut sortiert. Von Man Rays erotischen Aktfotografien über Max Ernsts albtraumhafte Collagen und Joan Mirós farbgewaltige Bildchiffren spannt die Sonderschau den Bogen bis hin zu Picassos surrealen Gestaltungsweisen. Die Druckgrafiken sind in enger Zusammenarbeit mit Dichtern wie Paul Éluard und Tristan Tzara entstanden und zeigen dem Betrachter den bildnerischen Reichtum surrealistischer Kunst.

„Marc Chagall hat sich zeitlebens gegen das ihm verliehene Etikett des Träumers und wirklichkeitsfernen Fantasten gewehrt“, sagte uns Museumsleiter Prof. Dr. Markus Müller. „Die Ausstellung nimmt ihn beim Wort und geht den Quellen seiner Bildwelt auf den Grund.“ Die Spurensuche führt den Ausstellungsbesucher in das kulturelle Milieu des jüdischen Schtetl im weißrussischen Witebsk, in dem Chagall aufgewachsen ist. Viele der im Picasso-Museum ausgestellten Bilder finden hier ihren Ursprung. Auch seine jiddische Muttersprache mit ihren Sprachbildern und Redensarten prägte das Bilddenken des Künstlers.

Chagalls Glaube spielte eine weitere zentrale Rolle für seine Kunst. Er gehörte dem Chassidismus an, einer jüdischen Erweckungsbewegung. Sie besagt, Gott ist in allem, auch im kleinsten und banalsten Detail des Alltags. Bei Chagall herrscht keine Trennung zwischen Weltlichem und Profanem. Die Bibel ist ein weltliches Werk voller Tragik. Der Alltag hingegen kann religiös und von Wundern geprägt sein.

Inspiration fand Chagall auch in der Ikonenkunst. Die Ausstellung illustriert mit sieben Exemplaren des 17. bis 19 Jahrhunderts aus dem Ikonen-Museum Recklinghausen, dem größten Ikonen-Museum Westeuropas, welchen Einfluss sie auf Chagalls Kunst ausübten.

Der bereits betagte Chagall schenkte dem französischen Staat 17 Bilder seiner Biblischen Botschaft. Die Regierung bedankte sich mit dem Bau des Musée National Message Biblique Marc Chagall in Nizza, das 1973 eröffnet wurde. Am 28. März 1985 starb der Künstler in Saint-Paul-de-Vence, wo er die letzten 35 Jahre seines Lebens verbracht hatte. "Der Himmel hatte sich in Chagall-Blau geschmückt", erinnert sich Sorlier. In Omnibussen wurden deutsche, englische, italienische und japanische Ostertouristen herangekarrt, die den Würdenträgern folgten, bis der Friedhof von Saint-Paul-de-Vence wegen Überfüllung gesperrt werden musste. Bis heute wird Chagalls Grab viel besucht.

Rolf Liffers

Katalog
Zur Chagall-Ausstellung erscheint ein Katalog im Wienand Verlag. 232 Seiten, 160 farbige Abbildungen, Preis im Museum: 29,80 €, Preis im Buchhandel: 39,80 €