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Drei sehenswerte Beziehungsgeschichten – Kritiken aus Cannes

KUNST & KULTUR

Die Filmfestspiele in Cannes gehen in ihr erstes Wochenende. Am besten bei Kritikern kam bislang wohl der russische Film „Leto“ im Hauptwettbewerb an. Wir von der RIVIERAZEIT haben gestern drei Beziehungsgeschichten geschaut – und genossen. Allesamt sehenswert!

 

«Plaire, aimer et courir vite» – im Hauptwettbewerb um die Goldene Palme

Nach dem prämierten „120 BPM“ ein weiterer Film, der sich dem Thema schwule Liebe und Aids in den 1990er-Jahren widmet. Zu einer Zeit, als das Virus noch ein sicheres Todesurteil bedeutete und Homosexualität in Europa deutlich weniger gelassen begegnet wurde als heute, treffen der 20-jährige Student Arthur und der 15 Jahre ältere Schriftsteller Jacques aufeinander. Beide kosten ihre sexuelle Neigung voll aus; wechselnde Partner sind bislang an der Tagesordnung. Doch eine besondere Anziehungskraft bindet die beiden aneinander.

Eine Liebesgeschichte in so schönen wie dramatischen Bildern erzählt. Anrührend, wenn auch in ihrem Nachhall nicht eindrücklich genug für eine Goldene Palme.

 

«Rafiki» – im Nebenwettbewerb «Un certain regard»

Noch eine gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte, aber mit ganz anderen Vorzeichen: im heutigen Kenia angesiedelt und mit zwei jungen Frauen als Hauptfiguren. Ziki und Kena leben in derselben Stadt, entstammen jedoch zwei unterschiedlichen Welten. Die eine ist verwöhnte Tochter aus gutem Hause und strebt danach, in die Welt hinauszuziehen. Die andere wächst in einfachen Verhältnissen auf. Eine berufliche Karriere kann sie sich trotz hervorragender Resultate in der Schule nicht vorstellen. Erst als die beiden einander kennen lernen, eröffnen sich beiden neue Welten.

Was im heutigen Kenia jedoch so unmöglich erscheint wie in Europa vor nicht allzu langer Zeit, ist eine gemeinsame Zukunft der beiden Frauen. Spannend, weil man das Gefühl hat, in eine fremde Welt hineinzuschauen. Herzergreifend, weil von zwei überzeugenden Darstellerinnen gespielt. Nicht verpassen!

 

«A genoux, les gars» – im Nebenwettbewerb «Un certain regard»

Um Beziehungen geht es auch im dritten Film, der gestern in Cannes Premiere feierte. Zwei arabischstämmige, in Frankreich lebende Schwestern erleben ihr sexuelles Erwachen im Zeitalter von Smartphone und Internet. Eine Vierer-Konstellation, in der es um Wünsche von heranwachsenden Jungs und die Antworten unsicherer Mädchen geht. So also lebt und liebt die Jugend von heute? fragt sich der Zuschauer zwangsläufig und will dem eigenen Nachwuchs dringend strikte Verhaltensmaßregeln nahelegen.

Oft witzige, freche, frische Dialoge lassen vor allem in der Anfangsphase des Films herzhaft auflachen. Zum Ende hin wird die Story dramatischer, und man wünscht sich: Lass dies nicht die Realität in den Jugendzimmern unserer Kinder sein! Schauen, auch wegen des französischen Settings!

 

AS