Haupt-Reiter

Ein Orchesterchef, der Traktor fährt: György G. Ráth

KUNST & KULTUR

Beneidenswert könnte man das Naturell des Musikdirektors von Nizzas Philharmonie nennen. Mit Lust, Leidenschaft und Leichtigkeit schenkt György G. Ráth seinem Publikum unvergessliche Momente wunderbarer Musikerlebnisse.

Plötzlich steht er im Türrahmen, mit seinem klappbaren Elektrorad unterm Arm: der erfolgreiche musikalische Direktor von Nizzas Philharmonie-Orchesters, György G. Ráth. Mit einem verschmitzten Funkeln in den blauen Augen bittet er uns in sein Büro, eines der zahlreichen Räume des verwinkelten, 1885 gegründeten Opernhauses.

Wir sprechen Italienisch mit deutschen und französischen Einschüben. Normal, Ráth hat fast überall auf der Welt mit den ganz Großen der Musik gearbeitet, auch an der Hamburger Staatsoper, dem Lyric Theatre von Chicago und La Fenice von Venedig. Ihm verdanken wir die erste 3-D-Darbietung von Béla Bartóks Oper ‚Herzog Blaubarts Burg‘.

Seit September 2017, rechtzeitig zum 70-jährigen Bestehen, wirbelt er das Philharmonische Orchester mit Charme, Kompetenz und Passion durcheinander. Sein großes Ziel: «Ich möchte das musikalische Angebot mit Hilfe der hohen Qualität meiner fast hundert fest angestellten Musiker maximieren und erweitern.» Alle Arten von Musik sollen, so wünscht er es, gespielt werden: Konzerte von Mozart bis Beethoven, Mahler bis Bach, zeitgenössische Stücke und auch Jazz. «Moderne Werke sind nicht für Jedermann», sagt der gebürtige Ungar, «in Nizza ist das Publikum eher traditionell, aber die Besucherzahlen sind ermutigend.» Er muss es wissen, denn: «Ich liebe Mathematik».

Durchschnittlich werden 20 bis 30 Kammermusik-Konzerte gegeben, im Foyer der Oper, im Chagall-Museum, im Auditorium der Bibliothek Louis Nucéra oder im Palais Lascaris. Hinzu kommen unter anderem Ballettaufführungen, eine Hommage an Leonard Bernstein im Dezember, Opern wie Don Giovanni im Januar 2019 und Arthur Honeggers Jeanne d’Arc im März, die Ráth als «eines der schönsten Stücke der Musikgeschichte» bezeichnet. Ein so breit gefächertes Programm bedeutet für die Musiker natürlich viel mehr Arbeit. Zu Ráths Plänen gehören auch Tourneen im Ausland.

Bevor der vielseitige Musikdirektor nach Nizza kam, leitete er die ungarische Nationaloper. Befragt, warum er seine Heimat verlassen hat, sagt er: «Man hat mich gerufen und, ganz wichtig: Das Orchester wollte mich. Unsere gegenseitige Liebe existierte bereits vorher. Sieben Jahre lang hatte ich schon mit den Musikern von Nizza sporadisch gearbeitet. Die Atmosphäre und unser gemeinsames Engagement sind phantastisch, das spürt auch das Publikum.»

War das in Budapest anders? «Dort ist die Oper wie eine Fabrik, mit Fließband-ähnlichem Rhythmus. Hunderte von Aufführungen jagen eine die andere, welch ein Stress! Ja, und dann kam Nizza. Hier ist die Arbeitsweise anders als zum Beispiel in den USA oder in Deutschland, wo Disziplin an erster Stelle steht. In den mediterranen Ländern spielen Enthusiasmus, Herz und Seele die wichtigere Rolle».

Bei aller Begeisterung für sein Gastland kehrt er doch immer wieder nach Kapolcs, einem Dörfchen im Herzen Ungarns zurück. Hier besitzt er einen 100 Hektar großen Bauernhof, wo er heute nur noch Pferde hält und wo die ganze Familie jeden Sommer verbringt. «Ich bin ein Verrückter, der am liebsten alles machen möchte», lacht der Vater von fünf Kindern. «Lange Zeit habe ich neben der Musik auf dem Traktor gesessen, um mein Land zu bestellen. Aber ich hatte nicht genug Geduld mit der Natur.» Auch als Architekt zeigt er große Begabung: «Ich baue ständig an irgendetwas. Kapolcs ist zur Hälfte von mir errichtet worden.» Vier seiner Kinder sind inzwischen aus dem Haus, keines hat mit Musik zu tun, doch alle spielen zwei Instrumente. «Ich wollte nicht, dass sie Musiker werden, da muss man zu viele Opfer bringen. Deswegen habe ich immer gesagt: nur über meine Leiche, wenn es um ihre Berufswahl ging.»

György Ráths Eltern, Mutter Pianistin, Vater Mathematiker, waren auch nicht gerade begeistert, als sich ihr Junge im Alter von 17 Jahren unsterblich in die Musik verliebte. Es geschah in einer Kirche bei der Matthäus Passion. «Es traf mich wie ein Blitzschlag und ich wusste: Ich werde Musiker!», erinnert sich Ráth. «Ich war zehn Jahre zu spät dran, normalerweise beginnt man viel früher mit dem Solfeggio. Erst nach langer Zeit verstand mein Papa, dass auch Musiker ein Beruf sein kann.»

Was kommt nach Nizza? «Ich schmiede nie Zukunftspläne. Fast schäme ich mich, aber irgendwie fühle ich mich von einer Kraft geführt, die mir immer wieder weiterhilft. Natürlich hatte auch ich schwere Momente. Aber wenn man morgens mit positiven Gedanken aufsteht, wird es schon gut gehen. Daran glaube ich fest.»

Petra Hall