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Für einen Monat als Schweizer an der Côte d’Azur

CÔTE D'AZUR & PROVENCE

Ein Schweizer an der Côte d'AzurAls Praktikant bei der RivieraZeit durfte ich während eines Monats in die französische Kultur eintauchen. Vier Wochen, in denen sich Klischees bestätigten und andere widerlegt wurden. Und ich entdeckte eine neue große Liebe: Die Liebe auf den ersten Duft. 

„Le bus est en panne“ – Es sind die ersten französischen Worte, die mir nach meiner Ankunft an der Côte d’Azur begegnen. Tja, manchmal haben die Eltern eben doch Recht, wenn sie von ihren Erfahrungen in Frankreich sprechen. Aber was ich sofort lerne: Frankreich ist auch, wenn es trotzdem klappt. Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Ach, mein liebes Baguette…

Mein erster Frühstück-Einkauf im Supermarkt: Selbst als eigentlicher „Baguette-Hasser“ kann ich bei diesem Duft nicht widerstehen. Liebe auf den ersten Duft. Und spätestens nach dem ersten Bissen frage ich mich: Warum zum Teufel sind die Regale prall gefüllt mit jeglicher Art von Toast, wenn es doch diese so einfache und herrliche Stange Brot gibt? Jetzt verstehe ich, warum das Baguette bei den meisten Franzosen bereits beim Verlassen der „Boulangerie“ angebissen ist. Eben: Diesem Duft kann niemand widerstehen…

Zum Frühstück gehört auch die Zeitung. Und da läuft während meines Monats in Frankreich so einiges - François Fillon sei Dank. Täglich streitet die Presse um die besten Schlagzeilen zu den Präsidentenwahlen im April. Schöner Nebeneffekt: Donald Trump wird wenigstens hier auf die zweite Seite verdrängt.

Der Bus hilft (meistens) weiter

 „300 Sonnentage pro Jahr!“ verspricht mein Reiseführer. Ich scheine ausgerechnet den Rest erwischt zu haben. Wind, Regen, Kälte – mit den Traumurlaubsfotos kann ich meine Freunde in der Schweiz leider nicht neidisch machen. Aber schließlich bin ich ja auch nicht ferienhalber hier. „Au boulot!“ heißt es jeden Morgen, den kurzen Arbeitsweg von Antibes nach Villeneuve-Loubet-Plage nehme ich meist mit dem Zug in Angriff. Und das funktioniert eigentlich ganz gut – ein zweitägiger Streik, Zugausfälle und Verspätungen mal ausgenommen. C’est la France! Immerhin weiß ich jetzt, was die Wörter „supprimé“ und „en retard“ bedeuten. Und so nebenbei: Während meiner Zeit in Frankreich wurde in Deutschland tatsächlich doppelt so viel gestreikt wie hierzulande. Na also…

Immerhin: Der Bus ist verlässlich. Meistens… So staune ich nicht schlecht, als ich nach einem wichtigen Sportanlass am Sonntagabend in der Nähe von Antibes vom Stadion wieder zurück ins Stadtzentrum will. Bus? Fährt nicht mehr. Taxi? Weit und breit nicht zu sehen. Mit Autostopp schaffe ich es dann trotzdem irgendwie zurück in meine eigenen vier Wände. Irgendwie, irgendwo, irgendwann…

Zweifle nicht am Wein

Ein Schweizer an der Côte d'Azur

Beim Sport wird mir auch wieder bewusst, wie stolz die Franzosen auf ihr Land sind. Kaum eine Nation singt die Hymne vor Spielbeginn wohl so inbrünstig. Die „Marseillaise“ hat sich in meinen Kopf gebrannt. „Aux armes citoyens, formez vos bataillons.“

Dass der Franzose hingegen stolz auf seine Küche ist, ist längst bekannt. Also: Ja nicht anzweifeln. Gilt vor allem beim Wein. Noch nie habe ich innerhalb eines Monats wohl so viel Wein getrunken. Irgendwie findet der Franzose immer einen Grund. Irgendwie, irgendwo, irgendwann… auch an „ganz normalen“ Arbeitstagen. Und wehe, man zweifelt die Empfehlung des Chefs an…

Mit diesen Eindrücken geht es nach einem Monat zurück in die Schweiz; bestätigte und unbestätigte Klischees im Gepäck. Bereits jetzt freue ich mich auf den verlässlichen Zug, der mich vom Flughafen nach Hause fährt. Aber wie soll ich den nächsten Morgen nur ohne Baguette überleben? Werden wir dann sehen. Es klappt schließlich immer: Irgendwie, irgendwo, irgendwann…

Roman Michel