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Künstler malten für Kunstfilm Tausende Bilder im Stile van Goghs

KUNST & KULTUR

120 Künstler haben in den letzten Jahren 65.000 Bilder in Van-Gogh-Manier gemalt. Nach dem alten Prinzip des Daumenkinos ist daraus mit modernen digitalen Techniken der erste komplett aus Ölgemälden bestehende abendfüllende Trickfilm über das ebenso kurze wie tragische Leben des niederländischen Künstlers (1853-1890) entstanden. Das Publikum reagiert begeistert auf "Loving Vincent", der soeben in den deutschen Kinos angelaufen ist (in Frankreich schon Ende Oktober).

Hauptfigur ist (neben van Gogh natürlich) der Briefträger Armand Roulin aus Arles, wo der Impressionist seine kreativste Phase erlebte. Bei seiner Spurensuche geht der 17-jährige Postbote der Frage nach, ob sich der Maler tatsächlich das Leben nahm, wovon bisher meist ausgegangen worden ist, oder ob er erschossen wurde.

Zu Lebzeiten wollte von Vincent keiner was wissen, auch von seinen Bildern nicht. Heute flippt die internationale Kunstwelt schon aus, wenn nur sein Name fällt. Was seine Bewunderer auf der ganzen Welt am meisten fasziniert, ist sein farbenfrohes Spätwerk, das in einem wahren Schaffensrausch in der lichtdurchfluteten Provence entstand. Vincents Nachbar im südfranzösischen Arles war der Postmeister Joseph Roulin. Er und seine Familie hatten Vincent wiederholt als Vorlage gedient.

"Loving Vincent" erzählt nun über neunzig Minuten die Geschichte des ältesten Sohnes Armand Roulin, der 1891 van Goghs Bruder Theo in Paris einen ein Jahr nach Vincents Tod aufgetauchten Brief des Verstorbenen zustellen soll. Doch auch Theo ist inzwischen gestorben. So macht sich Armand auf den Weg in van Goghs letzten Aufenthaltsort Auvers-sur-Oise. Er hat Zweifel am Freitod des Künstlers und will nun die wahren Todesumstände herausfinden.

Ausgangspunkt des Films ist van Goghs 1888 entstandenes Bildnis von Armand Roulin im gelben Jacket, das dem Essener Folkwangmuseum gehört. Dort macht Regisseur Hugh Welchman die ersten Aufnahmen. Weitere über 90 Van-Gogh-Gemälde bilden sozusagen die illustrativen Brückenköpfe des Animationsfilms. Die einzelnen Szenen werden in einem Londoner Filmstudio mit echten Schauspielern gedreht und dann gemalt. Die im polnischen Danzig, in Breslau und in Griechenland entstandenen 65.000 Einzelbilder von durchweg 60 mal 100 Zentimetern Größe weisen kleine Abweichungen auf, durch deren filmische Abfolge und Montage die Bewegung entsteht. Eine mühselige, langwierige und überaus teure Produktionsweise. Sechs Jahre haben die Regisseure, Oscar-Preisträger Welchman aus England (2008 für "Peter und der Wolf") und seine Lebensgefährtin Dorota Kobiela aus Polen, an dem Projekt gearbeitet.

Und hat sich der Aufwand insofern gelohnt, als van Goghs Todesumstände nun zweifelsfrei aufgeklärt sind? Nein, muss man sagen. Nach zehnjähriger Recherche behaupten die Pulitzer-Preisträger Steven Naifeh und Gregory White Smith in ihrer Van-Gogh-Biografie "Sein Leben" (S. Fischer Verlag), dass der Maler von Jugendlichen umgebracht worden sei. Die jungen Leute hätten van Gogh aber nicht töten, sondern nur necken wollen. Dabei sei es zu dem tragischen Unfall gekommen.

Im Amsterdamer Van-Gogh-Museum wird diese Theorie eher bezweifelt. Trotzdem wird das Problem im aktuellen Ausstellungsbereich durchaus thematisiert. Smiths behaupte zwar, die Tatwaffe sei nie gefunden worden. Tatsächlich aber hätte das Museum die Pistole sogar zeigen können. Überdies habe einer der beschuldigten Jungen, René Sacristan, 1956 gegenüber einer medizinischen Zeitschrift erklärt, die Pistole hätte dem Gastwirt des Ravoux Inn gehört. Van Gogh, mit dem er gut bekannt gewesen sei, habe sie gestohlen. Außerdem hätten sich er und sein Bruder am Tattage gar nicht mehr in Auvers aufgehalten. Van Gogh selbst, der nach dem Schuss noch 30 Stunden lebte, soll einem Polizisten auf die Frage, ob er es selbst getan habe, geantwortet haben: "Ich denke schon." Seine anschließende Bitte wiederum, "beschuldigt niemand anderen", war Smith und Haifeh verdächtig erschienen. Sie glauben, der Maler habe die Jungs schützen wollen. In gewisser Weise hätten die Kinder dem offenbar psychisch Kranken einen Gefallen getan.

So gut, wenn im kriminalistischen Ergebnis auch unbefriedigend der (bereits mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnete) Film auch sein mag (eine Programmzeitschrift spricht bereits vom "schönsten Film aller Zeiten"): Einen Besuch im Amsterdamer Van-Gogh-Museum kann er nicht ersetzen. Dort knubbelt sich das Publikum erneut vor dem Gelben Haus von Arles, in dem der Maler gewohnt hat. Überraschend stark ist das Publikumsinteresse auch an den Malutensilien des Künstlers – Paletten, Staffeleien, Stifte, die er im Süden benutzte.

Im benachbarten Rijksmuseum sind zwar nur drei Gemälde von van Gogh zu sehen, aber die ziehen (nach denen von Rembrandt) die mit Abstand meisten Gäste an. Gleich nebenan strahlt Claude Monets schönes Gemälde "Corniche bei Monaco" von der Wand.

Rolf Liffers