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Klingendes Cervo: Bühne für arrivierte und aufstrebende Musiker

KUNST & KULTUR

Für zwei bemerkenswerte Musikereignisse sind im bezaubernden Cervo in der Provinz Imperia die Gassen und Plätze mit Notenschlüsseln geschmückt. Seit dem 14. Juli und noch bis zum 28. August ist der romantische Ort an der ligurischen Küste zunächst Schauplatz des 54. Internationalen Kammermusikfestivals. Anschließend  folgt vom 1. bis 12. September die 29. Ausgabe der internationalen Accademia Internazionale Estiva di Cervo, das Festival di Giovani Artisti.

Professor Arnulf von Arnim1964 vom berühmten ungarischen Violinisten und Dirigenten Sandor Vègh begründet, hat das Kammermusikfestival längst überregionale Bedeutung und einen festen Platz im Musikkalender. Unter dem Motto Cervo is Magic erklingen insgesamt 16 Konzerte an unterschiedlichen Schauplätzen wie der Piazza Corralini, dem Parco del Ciapà, dem Palazzo Viale und dem Oratorio di Santa Christina.

In der Wahrnehmung schon fast als Einheit folgt direkt anschließend vom 1. bis 12. September die 29. Ausgabe der internationalen Accademia Internazionale Estiva di Cervo, das Festival di Giovani Artisti. Ihr Kern sind instrumentelle und gesangliche Meisterklassen. Die Musikstudenten/innen stellen sich dem Publikum abends mit einem anspruchsvollen Konzertprogramm vor. Für Bürgermeister Gian Paolo Giordano ein Grund zur Freude: «Mit Begeisterung begrüße ich die Wiederkehr der Talente, die unserer kleinen Stadt jedes Jahr erlauben, sich als sogenanntes Musikdorf darzustellen».

Als ich im vergangenen Jahr dem Leiter Professor Arnulf von Arnim (Foto) bei den Proben zusehen und anschließend das wunderbare Concerto Finale erleben durfte, war es mein Herzenswunsch, ihn für die RivieraZeit zu interviewen und ein wenig hinter die Kulissen der Akademie zu schauen. Nicht ganz einfach bei seinen vielfältigen Tätigkeiten als gefragter Pianist und Lehrbeauftragter mehrerer Hochschulen. Schließlich gelang es mir, ein Treffen in Münster/Westfalen zu verabreden.

Mich interessierte natürlich, wie es zur Gründung der Akademie gekommen war. «Sehr unspektakulär», meinte er bescheiden. «Ich hatte mit meiner ersten Frau den Traum von einem Haus im Süden verwirklicht und blickte von dort auf Cervo, dessen Festival ja bekannt war.» Das inspirierte ihn, eine Akademie für junge Musiker als ideale Ergänzung ins Leben zu rufen. Schnell war der Bürgermeister überzeugt, und so wurde die Akademie 1989 gegründet. Am Anfang standen Klavierkurse; aber die Ausweitung auf andere Instrumente war zwangsläufig. Das Oratorio di Santa Caterina unterhalb der imposanten Kirche rief geradezu nach Streichinstrumenten. Nach und nach folgten Geigen und Celli. Das Konzept überzeugte, und auch das Publikum war von Anfang an von den öffentlichen Konzerten begeistert. 

Als großer Glücksfall erwies sich der in Litauen geborene Starcellist David Geringas, Schüler von Mstizslav Rostropowitch. Er wurde 1993 als Lehrer «an Land gezogen» und blieb der Akademie 15 Jahre lang treu. Mit dessen großen Namen stiegen Bekanntheit und Beliebtheit. Wie ein Lauffeuer hatte es sich herum gesprochen, dass hier der einzige Geringas-Kurs überhaupt stattfinden würde. Ergänzend sorgte die Werbung von Arnulf von Arnim und Violinist Ulf Hoelscher an allen Hochschulen Europas für Zulauf. Über das Internet werden nun junge Leute aus der ganzen Welt erreicht - die sich zunächst fragten, wo um Himmels willen Cervo eigentlich liege! Bald aber wussten es alle. Mittlerweile kann und muss die Akademie aus Hunderten von Bewerbungen auswählen, besonders viele gehen regelmäßig aus Korea ein.

Am ersten Tag erfolgt ein Vorspielen. Je nach Können dürfen die angehenden Musiker und Musikerinnen dann im Konzert spielen, nur am Unterricht teilnehmen oder ausschließlich zuhören. Die mangelnde Infrastruktur nehmen sie gern in Kauf. Man probt in diversen Palazzi, im Freien, einfach, wo es gerade möglich ist, und alle werden von der Romantik und dem musischen Genius loci erfasst. Dabei stellen die steilen Stufen logistische Probleme für den Transport der großen Instrumente dar. Eine Art «Minipanzer», der Treppen steigen kann, bringt diese zum Ort ihrer Bestimmung. Jedes Jahr sind das etwa fünf Klaviere und zehn Flügel! 

Die Akademie wird kaum subventioniert. Die Studierenden müssen selbst bezahlen. Natürlich erwarten sie dafür erstklassige Professoren, die ihr Können wesentlich voranbringen. Die Meisterkurse geben in diesem Jahr die Violinisten Erica Geldsetzer, Ulf Hoelscher und Stefan Picard, Jean Sulem (Viola), Troels Svane (Cello) und Gustav Rivinius (Violoncello) sowie Arnulf von Arnim und Ian Fountain am Klavier. Besonders beliebt sind die Gesangsstunden bei Klesie Kelly, die von Arnim als die Seele des Unternehmens bezeichnet. Unbezahlt in den Konzerten aufzutreten ist für die Studierenden selbstverständlich und Tradition.

Anstelle von Gagen erhalten sie einen anderen Mehrwert: Sprungbrett und Netzwerk für die Karriere. Außerdem lernen sie sofort, im Orchester zu spielen. «Darin liegt schließlich die Zukunft der meisten», meint Prof. von Arnim realistisch. «Solisten-Karrieren sind selten.» Jeden Abend gibt es gemeinsame Konzerte.

Karten sind erhältlich im Netz unter www.cervofestival.com und im Ufficio IAT an der Piazza Santa Caterina sowie an diversen Vorverkaufsstellen.

Susanne Altweger-Minet