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Langer Schatten des "Königs der Croisette" durchdringt Oetker-Hotel

MENSCHEN

Das legendäre Cap-Eden-Roc-Hotel in Antibes hat – ohne jegliches eigenes Zutun – selten so viele internationale Schlagzeilen geliefert wie während der augenblicklichen Filmfestspiele von Cannes. Der Hintergrund ist wenig appetitlich, verdankt das Flaggschiff der Flotte feinster Luxushotels der Bielefelder Back-Dynastie Oetker ("Oetker Collection") seine derzeitige Popularität doch zuvörderst dem langen Schatten des skandalösen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein. Dabei ist der wegen sexueller Übergriffe viel geschmähte Stammgast diesmal gar nicht erst erschienen. Seine Suite, in die er einige seiner Opfer wie die italienische Schauspielerin Asia Argento gelockt haben soll, steht leer. Als Folge der "Me Too"-Kampagne wollte sie wohl keiner haben. Alle anderen Zimmer des Hauses sind jedenfalls wie üblich prominent ausgebucht.

Bekanntlich wird der "König der Croisette" der vielfachen sexuellen Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung bezichtigt. In Cannes und Antibes machte das Urgestein des Festivals traditionell Geschäfte, feierte Partys und tat sich im Cap-Hotel bei der alljährlichen Spendengala der US-Aids-Hilfe amfAR mit Glamour und Stars aus aller Welt als Sponsor hervor.

Wie in den vorherigen Jahren steigt das Event auch dieses Mal wieder in der deutschen Luxusherberge. Wie die Stimmung unter den mehr als 900 VIPs der Filmbranche, Mannequins und Schauspielerinnen am kommenden Donnerstag sein wird, steht jedoch in den Sternen. "Weinstein ist zwar abwesend und doch in allen Köpfen", bringt es meine dpa-Kollegin Sabine Glaubitz auf eine Formel: Der Beschuldigte unterzieht sich derweil dem Vernehmen nach in Amerika gerade einer Sexsucht-Therapie.

Auf dem parallel zum Festival verlaufenden Filmmarkt, wo Händler aus aller Welt ihre Werke anbieten, stellt man sich die Frage, wer nun in großen Fußstapfen des 66-jährigen Filmmoguls treten werde. Weinstein galt als bedeutender Förderer des europäischen Films in den USA. Er kaufte die Werke auf dem "Marché du film" und verhalf ihnen wie 2011 beispielsweise dem Stummfilm "The Artist" in der Neuen Welt zu Aufmerksamkeit. Immerhin räumte der Streifen des französischen Regisseurs Michel Hazanavicius mit Jean Dujardin und Bérénice Bejo fünf Oscars ab.

Für die französische Zeitung "Le Monde" hat erst Cannes Weinstein zum Magnaten des unabhängigen Kinos gemacht. Unter dem Titel "Und Cannes schuf den allmächtigen Harvey Weinstein" widmet die Zeitung dem gestürzten Diadochen und seiner Beziehung zu Cannes ein Dossier. Cannes habe mit dem von ihm produzierten Drama "Pulp Fiction" entdeckt, dass Weinstein nicht nur im Vertrieb tätig gewesen sei, heißt es in der Analyse. Der Film von und mit Quentin Tarantino gewann im Jahr 1994 die Goldene Palme.

Das jetzige Filmfestival selbst hat die Post-Weinstein-Ära mit der Einrichtung einer Hotline eröffnet, bei der sich Zeugen und Opfer sexueller Übergriffe melden können. Außerdem wurden Flyer verteilt, die korrektes Verhalten anmahnen und vor drohenden Strafen warnen. Debatten über die Stellung der Frau in der Filmbranche stehen auf dem Programm, und letzten Samstag stolzierten rund 100 Regisseurinnen und Schauspielerinnen über den roten Teppich. Gleich mehrere von ihnen – darunter auch Jurypräsidentin Cate Blanchett – werfen Weinstein vor, sich an ihnen vergangen zu haben. Von allem nichts gewusst haben will nur Festivalchef Thierry Frémeux, dabei behaupten vielen Medien, es sei ein offenes Geheimnis gewesen, was sich in Weinsteins Luxus-Suite im Hôtel du Cap-Eden-Roc abspielte.

Ob das Festival mit seinen Partys bis spät in die Nacht das Kapitel Weinstein restlos abschließen können wird, wird von einigen in Frage gestellt, darunter Kate Muir. Für die Autorin und Ex-Chef-Filmkritikerin der "Times" ist Cannes eine zweiwöchige Zelebration männlichen Gehirns und weiblicher Schönheit, wie allabendlich auf der Croisette zu sehen sei.

Dabei hat das Gelingen der Show am Cap-Hotel-Management weiß Gott nicht gelegen. Dort hatte man wirklich an nichts gespart, um sich im Bereich Luxus-Wellness selbst zu übertreffen. Das neu eröffnete Spa im Herzen des Rosengartens "besiegelt die langjährige Zusammenarbeit mit der Marke La Prairie" (Generaldirektor Philippe Perd). Neben anderen "berauschenden Düften" wird für schlappe 200 Euro eine 50-minütige Behandlung mit "Kaviarwasser" geboten, was sogar die Bildzeitung auf den Plan gerufen hat. Der so genannte Cellular-Komplex ziele darauf ab, mit "revolutionären Schönheitsprodukten Zeichen des Alterns zu bekämpfen", sagt Prairie-Generalmanager Jean-Baptiste Grosdidier.

Und der Geruch Weinsteins, der wie schleichendes Gift alle Türritzen durchdringt? Am Ende erweist sich die Erfahrung eines Jürgen Möllemann vielleicht auch in Cannes noch als richtig: "Auch schlechte Werbung ist Werbung und daher gut."

Das mag auch für Weinstein selber gelten: Er ist Hauptfigur eines soeben entstehenden Dokumentarfilms über ihn selbst. Und niemand bezweifelt, dass sich das Werk in Cannes gut verkaufen wird.

Rolf Liffers