Haupt-Reiter

Macrons Charmeoffensive: Bäder im Meer und in der Menge

MENSCHEN

Apropos Europa und offene Grenzen: 80 Prozent der Franzosen verzichten während der Ferien auf das Geschenk der internationalen Reisefreiheit. Gemäß der Devise „Bleib im Land und nähr dich redlich“ bevölkern sie nach aktuellsten Umfragen wie ehedem vorzugsweise die Strände ihrer eigenen Meere. Allen voran Staatschef Macron und Familie, die auch in diesem Juli und August wieder die präsidentielle Sommerresidenz in Bormes-les-Mimosas bei Saint-Tropez bewohnen.

Dort wird aber nicht nur gebadet und entspannt, sondern unter den Argusaugen schwer bewaffneter Sicherheitskräfte im stillen Kämmerlein gearbeitet, viel telefoniert und politische Diplomatie betrieben, wie ein Sprecher des Elysée versicherte. Zudem sei der Präsident in ständigem Kontakt zu seinen Kabinettsmitgliedern. Die Affäre Rugy (Frage: „War das Verhalten des demissionierten Ministers illegal oder nur unmoralisch?“), das Thema Gilets Jaunes (Macron: „Ich glaube beileibe nicht, dass wir das schon hinter uns haben, weil es in unserem Land tatsächlich schwerwiegende Probleme gibt“) und andere drängende innenpolitische Fragen sollen während der „vacances studieuses“ durchdacht und möglichst auch gemeistert werden.

Den Reigen der inoffiziellen Staatsbesuche in Bormes-Cabasson-Brégançon hatte im vergangenen Jahr Theresa May eröffnet. Als nächster hoher Gast wird am 19. August Vladimir Putin, in dessen Hauptstadt zur Zeit die Bär tobt, in dem paradiesischen Ambiente der winzigen Halbinsel im Departement Var zum diskreten tête à tête empfangen. Das ist Macron schon deshalb so wichtig, weil Frankreich vom 24. bis 26. August im südfranzösischen Biarritz Gastgeber des G7 sein wird, dem Klub der großen Wirtschaftsmächte also, der vor dem Ausschluss Russlands noch G8 hieß und – wenn’s nach Macron geht – auch bald wieder so heißen wird.

Schon bei seinem Staatsbesuch in Japan Ende Juni hatte Macron nach einem langen Gespräch mit dem russischen Präsidenten ein bilaterales Treffen vorgeschlagen. Jetzt sei es so weit, sagte Macron kurz nach seiner Ankunft in Bormes zu Schaulustigen, die ihn vor dem Fort de Brégançon erwarteten. Er sei bereit, bei der Begegnung "alle Möglichkeiten einer künftigen Zusammenarbeit auszuloten". Natürlich werde er den Dialog "nicht naiv" angehen, aber "durchaus offen" führen. Inzwischen haben sich neue Konflikte eingestellt, die Iran-Krise beispielsweise, für die es aber kaum eine europäische Lösung geben wird.

Griff in die Trickkiste der politischen Kommunikation

Tags zuvor will Emmanuel Macron mit der einheimischen Bevölkerung den 75. Jahrestag der alliierten Landung in der Provence zelebrieren, wodurch weiterer Glanz auf das Örtchen Bormes fallen wird. Kein Zweifel, dass der ganze Zauber wie auch die hemdsärmligen bains de foule des Präsidentenpaares nach einem seichten Griff in die Trickkiste der politischen Kommunikation auch als Teil einer psychologisch minutiös geplanten Charmeoffensive zu betrachten ist. Denn bei der arbeitenden Bevölkerung ist Macron nach wie als arroganter Technokrat mit Hang zu höheren Kreisen verschrien. Und so strickt er ohne Unterlass an dem angestrebten neuen Image als verständnisvoller Landesvater, um sich dem anhaltenden Popularitätstief durch demonstrative Volksnähe entwinden zu können.

Zum Kanon gehörte dabei auch die Stippvisite in dem kleinen Pyrenäenort Bagnères-de-Bigorre, in dem einst seine Großmutter Manette lebte. Und der Staatschef gibt sich ungewohnt demütig: Er räumt ein, "dass ich im letzten halben Jahr viel falsch gemacht habe", zeigt Verständnis für die Wut vieler Menschen, weist aber auch darauf hin, dass schon manches passiert sei. Die Renten seien erhöht, die Steuern auf niedrige Einkommen gesenkt und die Sozialleistungen für Alleinerziehende erhöht worden. Die Lösung anderer Aufgaben ließen sich einfach nicht übers Knie brechen – die überkommene soziale Ungerechtigkeit, das Flüchtlingsproblem, die Klimawende.

Depardieu-Konzert am 11. August

Der nächste spektakuläre Auftritt im Selfie-Hagel ist bereits vorprogrammiert: Am 11. August wird der Melomane mit seiner Frau Brigitte im nahen Ramatuelle ein Konzert des steuerflüchtigen Wahlrussen Gérard Depardieu besuchen. Dort wird "ce monstre sacré du show-biz français" (Var matin) Chansons von Barbara interpretieren. Verabredet ist bei dieser Gelegenheit auch ein Vis-à-Vis mit Altpräsident Nicolas Sarkozy und dessen Gattin Carla Bruni, die gerade noch mit ihren Liedern vor großem Publikum aufgetreten war, in Le Lavandou, der Wahlheimat ihrer Eltern.

Derweil wird weiter auf Macron herumgehackt. Laut Landesrechnungshof haben die bisherigen drei Ferienaufenthalte der Präsidentenfamilie in Bormes den Steuerzahler gut 72.000 Euro gekostet. Nicht mitgerechnet die noch laufenden Renovierungsarbeiten an der einstigen Festung sowie der Bau einer kleinen Piscine hors-sol für 34.000 Euro.

Wie viel Geld Napoleon Bonaparte, der Bormes bei der Belagerung von Toulon als persönlichen Rückzugsort genutzt hatte, in die Aufrüstung des Forts steckte, ist nicht mehr nachvollziehbar. Wohl aber, dass sich der General de Gaulle nicht lumpen ließ, nachdem er das verschwiegene Plätzchen im unbesiedelten Nirgendwo der Côte d’Azur in den 1960er-Jahren zum Frommen seiner Amtsnachfolger zum offiziellen Urlaubssitz der französischen Nachkriegspräsidenten erkoren hatte.

Rolf Liffers