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Marineland wird sechs Monate nach den Überschwemmungen wieder eröffnet – mit den Tieren als Botschafter

CÔTE D’AZUR

Knapp sechs Monate nach den verheerenden Überschwemmungen an der Côte d’Azur wird der Meerestierpark „Marineland“ in Antibes am kommenden Montag, 21. März, wieder eröffnet – allen Protesten von Tierschützern zum Trotz. Neben den Renovierungsarbeiten hat die Parkleitung die Zeit genutzt, das Konzept des Parks zu überarbeiten: Ab sofort stehen Tierschutz und Lehre stärker im Fokus, dagegen weniger die Show mit Orca, Delfin und Co.

Orkas in Marineland

„Bevor Sie überhaupt die Frage stellen: Ich stehe ganz klar hinter Marineland. Die Tiere werden hier geliebt“, sagte gestern Jean Leonetti, der Bürgermeister von Antibes, vor Journalisten – und spielte damit auf die Proteste von Tierschützern an, die nach den tödlichen Überschwemmungen vom 3. Oktober 2015 in den Alpes-Maritimes eine Schließung des Meerestierparks gefordert hatten. Ebenso positionierte sich anschließend auch der Präsident des Regionalrats (und Bürgermeister von Nizza) Christian Estrosi. Selbstverständlich sei der Park auch ein Wirtschaftsfaktor, führte er an, aber vor allem doch eine Attraktion, die viele Familien durch die Jahre begleitet habe.

Zahlreiche Gerüchte waren in den Tagen, Wochen und Monaten nach der Flutwelle, die große Teile des Parks überrollt und im Departement 20 Todesopfer gefordert hatte, vor allem durch die sozialen Netzwerke gegeistert. Dort hatte es unter anderem geheißen, deutlich mehr Tiere als von der Parkverwaltung angegeben seien ums Leben gekommen. Dazu nahm gestern der langjährige Tier-Chef des Parks, John Kershaw, Stellung: Etwa 50 Fische und Schildkröten seien verendet sowie 40 bis 50 Schafe, Ziegen und andere Bauernhof-Kleintiere im benachbarten Park Kid’s Island. Der Tod des Orcas, der einige Tage nach dem Unwetter starb, sei nicht auf die Überschwemmungen zurückzuführen. Die verendeten Fische und Schildkröten, so Kershaw, seien auf das Versagen der Technik zurückzuführen: Die Wasserpumpen hätten nach der Überflutung nicht mehr funktioniert. Sie seien im Zuge der Renovierungsarbeiten im gesamten Park durch Pumpen ersetzt worden, die auch unter Wasser funktionieren, um künftig einer ähnlichen Katastrophe standhalten zu können.

Angesprochen auf nicht artgerechte Haltung vor allem der großen Meeressäuger, entgegnete Tierchef Kershaw: „Hier arbeiten nur Menschen mit Leidenschaft für die Tiere! Ich arbeite seit 40 Jahren hier, und zwar mit viel Freude, und unsere Besucher kommen gerne wieder. Wir – und das sind rund 50 Pfleger – wären verrückt, wenn wir die Tiere schlecht behandeln würden!“ Ja, die Tiere lebten in Gefangenschaft, sagte Kershaw, „aber wer so argumentiert, muss jegliches Halten von Tieren in Frage stellen, angefangen bei Hunden“.

1,50 Meter hoch stand das Wasser in weiten Teilen des Parks, der sich unterhalb Biots, eines der am stärksten von den sintflutartigen Regenfällen betroffenen Orte befindet. Sämtliche Gebäude und Anlagen mussten trockengelegt und renoviert werden, auch das erst kurz zuvor eröffnete parkeigene Hotel.

Von den Wasserschäden ist nichts mehr zu sehen, im Gegenteil: Der frische Anstrich überall tut der Optik des Parks gut. Eisbärmutter Flocke und die vor knapp anderthalb Jahren im Park geborene – und noch nicht ausgewachsene – Tochter Hope reckten sich neugierig in die Höhe, als gestern eine Horde von Politikern und Journalisten vorbeischaute – als hätten sie die Besucher vermisst in den letzten Monaten.

Auch in die verschiedenen Tier-Shows, die Hauptattraktionen des Parks, durfte die zahlreich erschienene Presse schnuppern. Auf den ersten Blick hat sich wenig geändert: Die Orcas springen noch immer im Duett synchron durchs Becken, manchmal auch zu viert, und die Delfine dürfen nach wie vor große Gymnastikbälle mit der Schwanzflosse ins Publikum schießen. Die Musik sei neu, hatte zuvor der neue Park-Direktor Arnaud Palu erklärt, aber auch die Konzeption der Shows – vor allem pädagogischer solle es werden, im Sinne des Umwelt- und Artenschutzes, mit den Tieren als Botschafter einer maritimen Welt, die akut bedroht sei.

Und tatsächlich: Die Kommentare aus dem Off sind weniger sensationsheischend als lehrreich. Über die Nahrungskette im Meer erfährt der Besucher, über die Auswirkungen eines Ungleichgewichts, das das gesamte Ökosystem Meer bedrohe; aber auch Fakten zu den Tieren: wie schnell Orcas schwimmen können etwa, warum die Seehunde manchmal aggressiv bellen oder was der Unterschied zwischen Pinguinen am Nord- und am Südpol ist. Geplant sind dazu Untertitel in Englisch und Italienisch auf den großen Bildschirmen in den Tier-Arenen.

Das vor rund 45 Jahren eröffnete Marineland ist heute Europas größter Meerestierpark. Er gehört seit 2006 zur spanischen Gruppe Parques Reunidos, die weltweit 55 Parks betreibt, darunter acht Marineparks. Marineland ist die meistbesuchte Touristen-Attraktion der Côte d’Azur mit jährlich mehr als 1,2 Millionen Gästen. Der Park zählt 160 Festangestellte plus rund 600 Saisonarbeiter im Sommer. Neben der Präsentation von etwa 40 verschiedenen Meerestierarten verfolgt der Park nach eigenen Angaben drei weitere Ziele eines modernen Tierparks: die Forschung, den Artenerhalt sowie die Lehre.

Während in Marineland der Wieder-Eröffnung am kommenden Montag entgegengefiebert wird, hat quasi zeitgleich die Gruppe Sea World mit drei Parks in den USA angekündigt, künftig keine neuen Orcas mehr züchten und die Art ihrer Präsentation ändern zu wollen. Besonders die Haltung der schwarz-weißen Wale in Tierparks wird immer wieder vor allem wegen viel zu kleiner Becken kritisiert.

Aila Stöckmann

  1. Klasse! Da werden sich die Kinder auf den nächsten Besuch freuen!