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Michelin-Sterne im Süden: Paukenschlag und lange Gesichter

GOURMET

Freud und Leid lagen gestern vor allem in Südfrankreich eng beieinander, als die Namen der neuen (und alten) Sterneköche des Landes bekannt gegeben wurden. Der Paukenschlag an der Côte d’Azur: Mauro Colagreco holte sich den dritten Michelin-Stern für sein Restaurant „Mirazur“ in Menton – und steigt damit in die Riege der nur 27 höchstdekorierten Gourmet-Tempel im ganzen Hexagon auf. Besonders in und um Cannes hingegen waren einige Gesichter lang: Dort gingen insgesamt drei Sterne verloren.

Rekordverdächtige 632 Restaurants dürfen sich 2019 frankeichweit mit einem, zwei oder drei der prestigeträchtigen Michelin-Sterne schmücken. Wie immer zu Beginn des Jahres lüfteten die Restaurant-Kritiker gestern in Paris das wohlgehütete Geheimnis um die neuen Stars am Gastronomie-Himmel. Insgesamt leuchten in diesem Jahr 75 neue Sterne: zwei Restaurants dürfen sich mit drei statt bislang zwei Sternen schmücken, fünf erhielten ihren zweiten Stern und 68 neue Spitzen-Restaurants wurden mit einem Stern dekoriert.

Mehr Frauen im Spitzengeschäft

Hervorgehoben hat die neue Chefin des roten Führers, Gwendal Poullennec, dass mehr Frauen denn je ihren ersten Stern erhalten hätten und mit Stéphanie Le Quellec in Paris ("La Scène") immerhin eine Köchin sogar ihren zweiten Stern. Mehr als eine Handvoll frisch ausgezeichneter Frauen sind es allerdings auch diesmal nicht.

Im Süden bleibt die Szene fest in Männerhänden. Die kreativsten sind die des gebürtigen Argentiniers mit italienischen Großeltern, Mauro Colagreco, in Menton. Im vergangenen Jahr von „The World’s 50 Best Restaurants“ als drittbeste Location der Erde in den Himmel gelobt, schlossen sich die Kritiker von Michelin diesem Urteil an, indem sie dem 42-Jährigen mit drei Sternen das bestmögliche Zeugnis ausstellten. 2007, kaum ein Jahr nach der Eröffnung seines „Mirazur“ an der Grenze zu Italien, hatte der Koch seinen ersten Stern erhalten. 2012 folgte der zweite. Dabei hatte es sein Restaurant allein aufgrund seiner Lage nicht allzu leicht: Trotz Meerblicks befindet es sich weit ab vom Schuss oberhalb der Küste, Avenue Aristide Briand, und das Ganze in einem Ort, der nicht gerade als kulinarische Hochburg zu bezeichnen ist.

Nach Bekanntgabe der Ergebnisse gestern war der Italo-Argentinier beinahe zu Tränen gerührt. Er ist der erste Nicht-Franzose, der auf französischem Boden drei Sterne erzielt. Glückwünsche von allen Seiten ließen nicht lange auf sich warten. So schrieb etwa David Lisnard, Bürgermeister von Cannes und Tourismus-Chef der Côte d’Azur, man sei „extrem stolz“, mit Mauro Colagreco – der kürzlich sein Restaurant „Estivale“ am Flughafen Nizza (T2) eröffnet habe – über einen Botschafter der hiesigen Gastronomie-Szene zu verfügen.

Der RivieraZeit hatte der bescheidene Koch übrigens noch vor drei Jahren im Interview gesagt, er träume nicht von einem dritten Stern, sondern arbeite ausschließlich für die Zufriedenheit seiner Gäste.

Weitere Sterne für den Süden

Neben Colagreco durfte sich im Süden Alexandre Mazzia (La Table AM) in Marseille über ein Upgrade freuen; sein Lokal zählt nun zu den frankreichweit 85 Restaurants mit zwei Sternen.

In Bandol (Var) eroberte Jérémy Czaplicky mit seinem „L’Olivier de l’Ile Rousse“ seinen ersten Stern ebenso wie José Bailly mit „La Terrasse“ in Saint-Raphaël (Var). Neu mit einem Stern dekoriert wurde in den Alpes-Maritimes nur das Restaurant „Quintessence“ von Christophe Billau am Col de la Cayolle, hoch oben im Mercantour, kurz vor dem Skigebiet Valberg – wobei der Koch bereits in seinem vorigen Lokal im wenige Kilometer entfernten Roure zu den Michelin-gekürten chefs zählte.

Monaco schließlich darf sich eines weiteren Sterne-Etablissements rühmen: Der „Grill“ in der achten Etage des neu renovierten Hôtel de Paris hat sich unter der Regie von Franck Cerutti diese Auszeichnung erarbeitet.

Verlorene Sterne

Lange Gesichter unterdessen im Westen der Alpes-Maritimes: Christophe Poard, der neue chef im „Le Park 45“ in Cannes, verliert den vorhandenen Stern, und zwei Lokale büßen ihren zweiten Stern ein – L’Oasis in Mandelieu-La-Napoule (ebenfalls nach einem Koch-Wechsel) sowie „La Paloma“ (Nicolas Decherchi) in Mougins.

Auch im Nachbardepartement Var dürfte der gestrige Tag für Enttäuschung gesorgt haben: Paul Bajade verliert in seinem „Les Chênes Verts“ im Bergdorf Tourtour den Stern, den er über 40 Jahre verteidigt hatte. Ebenfalls ohne Michelin-Auszeichnung stehen nunmehr das „Le Castellaras“ in Fayence und die „Villa Belrose“ in Saint-Tropez da.

Aila Stöckmann