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Mick Jagger wird 75: "Die Côte d’Azur war unsere Mainstreet!"

MENSCHEN

Südfrankreich 1971. Die Rolling Stones waren ziemlich runter. Niemand rechnete mit einem Comeback. Heute wird Frontmann Mick Jagger 75. Er und seine Band sind wieder ganz oben. Einen Fuß haben zumindest die Jaggers immer noch an der Côte d’Azur: Micks Ex Jerry Hall hat ein Haus in Le Lavandou, am Strand Saint-Clair.

Die legendäre Rockgruppe hatte vor knapp 50 Jahren mit krassen Steuer- und Drogenproblemen zu kämpfen und stand ständig im Visier der Polizei. In ihrer britischen Heimat waren die weltberühmten Musiker – respektive der damals 28-jährige Bandmitbegründer Keith Richards ("Angie") – unerwünscht. Also gingen sie ins Exil, ließen sich an der Côte d’Azur nieder, arbeiteten (wie) im Rausch an einem neuen Album mit dem beziehungsreichen Titel "Exile on Main St." und machten mit ihrem Rennboot den Küstenabschnitt zwischen Menton und Marseille unsicher, ihre "Mainstreet Riviera".

Sie mobilisierten Drogendealer, stellten in Saint-Tropez den Mädchen nach, besuchten Bordelle, ließen sich in Schlägereien verwickeln und hatten ewig Theater mit der Justiz. Am Ende flogen sie auch aus Frankreich raus. In den USA, wohin sie sich zur nächsten Tournee (und neuen Entgiftungsversuchen) verflüchtigten, war Schluss, als Richards Visum ablief. Und weil sie nach England und Frankreich nicht mehr einreisen durften, wichen sie in die Schweiz aus. In seiner soeben erschienenen Biographie "Life" (Wilhelm Heyne Verlag München, 735 Seiten) schildert Keith Richards jetzt detailliert (auch) die Abenteuer der jungen Rock’n’Roller in und um das von ihm für viele "Tausenddollarscheine" gemietete "Glitzerschloss Nellcôte am Fuß des Cap Ferrat mit schönem Blick auf die Bucht von Villefranche".

Der Flucht nach Frankreich war allerlei Ärger vorausgegangen. Der ewige Feldzug der Polizei "gegen die Plage der Junkie-Gitarristen" sowie die späte Erkenntnis, von ihrem Manager Allen Klein derart "über den Tisch gezogen worden zu sein", dass ihm "am Schluss alle Rechte an unserem gesamten Werk gehörten". Und dann der Dauerstress mit den Finanzbehörden. "Anfang der siebziger Jahre lag der Spitzensteuersatz in England bei 83 Prozent, für Investitionen und für das so genannte unverdiente Einkommen sogar bei bis zu 98 Prozent", was Richards als "ziemlich unverblümte Herausforderung" verstand, "das Land zu verlassen". Keine Chance dort, "von unserem Schuldenberg" herunterzukommen. "Also packten wir unsere Sachen."

Die Stones in Südfrankreich

Obwohl auf Nellcôte Platz für alle gewesen wäre, nistet sich Drummer Charlie Watts im Departement Vaucluse ein, Bassist Bill Wyman etabliert sich im Hügelland bei Grasse und freundet sich dort mit Marc Chagall an – "das schrägste Pärchen der Menschheitsgeschichte" (Richards). Mick Jagger haust im Hotel Byblos in Saint-Tropez, wo er am 12. Mai 1971 Bianca heiratet. Nach der Hochzeit mit seiner nicaraguanischen Verlobten bezieht er ein Haus von Fürst Rainiers Onkel und später dann die Villa einer Madame Tolstoi. Micks Hochzeit hat Keith in ganz fürchterlicher Erinnerung: Heere von "Fotografen verstopften die Straßen von Saint-Tropez, von der Kirche bis zum Rathaus tobte ein erbarmungsloser Kampf Mann gegen Mann".

Keith taucht ab, überlässt seine "Rolle als stellvertretender Trauzeuge" Micks Freund, dem Saxophonisten Bobby Keys. Eigentlicher Trauzeuge ist Roger Vadim, Biancas Brautjungfer Nathalie Delon, "ein wunderschönes Mädchen und Noch-Ehefrau des Filmstars Alain Delon", in die sich Bobby sofort total verknallt.

Das war durchaus nicht ungefährlich. Denn Nathalie und Alain standen im Mittelpunkt eines Skandals, in den auch der französische Premier Georges Pompidou sowie "die komplette kriminelle Unterwelt zwischen Marseille und Paris verstrickt war". Nach einer kurzen Affäre mit Nathalie hatte man Delons jugoslawischen Leibwächter erschossen auf einer Pariser Müllkippe entdeckt.

Doch der nichtsahnende Bobby ist nicht mehr zu bremsen: Bei der Hochzeitsparty bläst er sich für Nathalie die Lunge aus dem Leib. Als die Arbeit an dem neuen Album auf Nellcôte weitergeht, ist er nicht nur selbst zur Stelle, sondern auch Nathalie, die ganz in der Nähe bei Bianca wohnt. Bobby und Nathalie sind glücklich, heizen mit einem dicken Motorrad die Côte d’Azur rauf und runter, verpassen sich ab und zu gegenseitig einen kleinen Schuss Heroin ins Hinterteil. Entsprechend schwer leidet Bobby, als Nathalie plötzlich Schluss macht – wie sich später herausstellt, um ihn vor möglichen Attacken aus der Drogenmafia zu retten.

Nicht nur Musik 

In Aufnahmepausen gehen die Stones gern am Hafen spazieren oder ins Café Albert in Villefranche. Bei einem Ausflug nach Beaulieu wird Keith in eine heftige Schlägerei mit zwei Typen verwickelt, die es "den langhaarigen Freaks" mit dem Jaguar E-Type mal zeigen wollen. Drei Tage später stehen die Cops vor der Tür von Nellcôte. Noch ohne konkrete Konsequenzen. Wenig später verunglückt Keith auf der Gocart-Bahn in Cannes, wird rittlings knapp 50 Meter über den Asphalt geschleift und entsprechend zugerichtet. Nellcôte-Koch "Fat Jacques", der den Stones wegen seiner Connections nach Marseille auch als Heroindealer dient, fliegt wenig später bei einer Explosion durch die Küchendecke von Nellcôte. Wie sich Keith erinnert, war er völlig verrußt, sah aus wie aus einem Comicfilm, entschuldigte sich aber trotzdem, weil das Mittagessen ausfallen musste. Wie sich später herausstellt, hatte Jacques vergessen, das Gas abzustellen.

Keith leistet sich für Nellcôte das sechs Meter lange Schnellboot Mandrax 2, komplett aus Mahagoni. "Alle sprangen mit rein, Bobby Keys, ich, Mick, wer eben grade Lust hatte. Mal ging es zum Frühstück nach Menton, zum Mittagessen nach Monte Carlo, auf eine Plauderei mit Onassis’ und Niarchos’ Truppe."

"Der Wasserweg – also die Riviera – war unsere Mainstreet", erinnert sich der rauschgiftabhängige Richards. "Wir ließen uns treiben. Auf nach Antibes. Oder nach Saint-Tropez, um Weiber zu besichtigen." Im Hafen von Villefranche-sur-Mer, "Lieblingsspielplatz der US-Navy, verrieten wir bekifften Matrosen gegen eine Tüte Gras die besten Puffs, die Cacao Bar und das Brass Ring. Aus Nizza und Monte Carlo rollten die Nutten an, dazu sämtliche Huren, die Cannes zu bieten hatte."

Die (Nacht-)Arbeit an dem neuen Album läuft wie am Schnürchen, wenn auch unter teilweise chaotischen technischen Bedingungen, weil sich die Band des eigenen mobilen Studiotrucks bedient, statt – wie ursprünglich geplant – in Nizza oder Cannes teure Aufnahmestudios zu mieten.

Im folgenden Winter wird den Musikern auf Nellcôte trotz gesunkener Außentemperaturen der Boden zu heiß. "Die Drogenfahnder saßen uns im Nacken." Einbrecher stehlen Keith ein Großteil seiner Gitarren. Zugleich ermittelt die Staatsanwaltschaft in Nizza gegen die Mitglieder des "Beduinenlagers" auf Speed. Ein Anwalt, der für de Gaulle gearbeitet hat und Busenfreund von Premierminister Chaban-Delmas gewesen war, haut sie jedoch raus.

"Was Besonderes auf die Beine stellen"

"Anstatt für einige Jahre ins Gefängnis zu wandern, kam es nur zu einer rechtlichen Vereinbarung." Danach musste Richards bis zum Widerruf französischem Territorium fernbleiben und "als eine Art Kaution" weiter wöchentlich 2400 Dollar Miete für Nellcôte berappen.

"Wir hatten das Gefühl, dass es uns nach Frankreich verschlagen hatte, um dort etwas Besonderes auf die Beine zu stellen", sagt heute Keith Richards, der nach etlichen erfolglosen Entziehungskuren erst seit 1979 wieder clean ist und mit Frau Patti und den gemeinsamen beiden Töchtern in Connecticut lebt. "Und das ist uns mit Exile of Main St. gelungen; es gehört zum Besten, was wir je gemacht haben."

Rolf Liffers