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Nizza und die Welt trauern um die "Lady of Negresco"

CÔTE D’AZUR

Eines der letzten Originale der internationalen Hotelszene ist in dieser Woche gestorben: Jeanne Augier, Eigentümerin des sagenumwobenen Luxushotels „Negresco“ an der Promenade des Anglais, einem Wahrzeichen der Stadt Nizza. Sie wurde 95 Jahre alt.

Die etwas kauzige alte Dame, die den über 100 Jahre alten Hotelpalast in Aristocats-Manier testamentarisch einem Stiftungsfonds zum Wohl Not leidender Menschen und Tiere sowie dem Erhalt des mit seiner rosa Kuppel unverwechselbaren Palasthotels der Belle-Époque vermacht hat, habe ihr Leben lang zur Ausstrahlung der Metropole beigetragen, twitterte Bürgermeister Estrosi.

Das Hotel selbst, in dem sieben gekrönte Häupter, viele Milliardäre sowie Stars wie Greta Garbo, Jean Marais und Salvador Dalí (mit Gepard), Michael Jackson, Mick Jagger und die Beatles wohnten, hat sich bisher nicht zu Details der Nachfolgeregelung geäußert. Fest steht, dass Jeanne Augier, die keine direkten Nachkommen hat, in den letzten Jahren an Alzheimer litt und seit 2013 unter Vormundschaft stand. Der Wert ihres Hauses an der Strandpromenade, in dem sie bis zum Schluss "à l’ètage" in einer großen Wohnung lebte, dürfte nach jüngsten Schätzungen zwischen 300 und 400 Millionen Euro liegen.

Frau Augier hatten solche Beträge wenig bedeutet. Noch in ihren letzten Lebensjahren hatte sie starrköpfig allen Versuchungen widersagt, sich das Negresco (96 Zimmer, 21 Suiten) zu vergolden, das nach seinem Erbauer, dem Rumänen Henri Negrescu, benannt ist. Dem Sultan von Brunei hatte die resolute patronne mit den Worten einen Korb gegeben, ihr Hotel sei selbst für ihn zu teuer. Auch Bill Gates bekam eine Absage wie auch ein namentlich nicht bekannter Marokkaner, der ihr zugesichert hatte: „Der Preis spielt keine Rolle; wir kaufen!"

Die Lokalpresse würdigte Jeanne Augier in ersten Nachrufen mit bewegten Worten als "beherzte Kopffrau von starkem Charakter", durch deren Tod das "Negresco" seinen "Stern" verloren habe. Die Chefin, die das symbolträchtige Haus über 60 Jahre "beherrscht" habe, sei zuletzt jedoch sehr schwach gewesen. Am Ende habe sie in ihrer großen Wohnung à l’ètage des Hotels künstlich ernährt werden müssen, bis eine Lungenentzündung sie hinwegraffte. In den nächsten Tagen soll sie auf dem Friedhof Caucade ihre letzte Ruhe finden.

Als Madame Augier das 1913 gebaute Haus übernahm, war es heruntergekommen. Sie war es, die dem Hotel neues Leben einhauchte, jedoch nie mit Traditionen brach. So gibt es in der von Eiffel entworfenen Nobelherberge bis heute weder Pool noch Spa. Unter dem Baldachin des Royal Salon hängt noch immer der über viereinhalb Meter große Kronleuchter mit seinen 16.800 Kristallen, der ursprünglich für Zar Nikolaus II. bestimmt war und dessen Gegenstück heute im Kreml strahlt. Hunde und Katzen sind weiter willkommen. "Ich liebe Tiere, sie sind Brüder, Schwestern, Kinder, die ich nie hatte", hatte die Tiernärrin wiederholt erklärt. 

Augier, die bis zu dessen Tod mit dem Nizzarder Anwalt Paul Augier verheiratet war, hinterlässt eine kostbare klassische Kunstsammlung, die im Hotelmuseum aufbewahrt wird. Schon als junge Frau war das "Mädchen aus gutem Hause" in den Straßen der Stadt durch ihren Geschmack und ihre extravagante Garderobe - vorzugsweise von Courrèges und Balmain - aufgefallen. Auch der modernen Kunst war die enge Freundin von Niki de Saint-Phalle sehr zugetan. Schon 1965, acht Jahre nach Übernahme des Hotels, flog sie auf Bitten von Staatschef Charles de Gaulle nach Isfahan, um dort den Bau des ersten Palastes des damaligen Schahs zu beaufsichtigen.

Zuletzt war das "Negresco" bei dem islamistischen Terroranschlag vom 14. Juli 2016 in die Schlagzeilen geraten. Die Lobby des Hotels hatte als Lazarett für Verletzte herhalten müssen; nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Hotels, das schon im 1. Weltkrieg einmal als Nothospital für verletzte Soldaten requiriert worden war. 

Rolf Liffers