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Schöner Leben ohne Plastik: Devise zéro déchet

WISSENSWERT

Es werden täglich mehr, damit der Müllberg kleiner wird: Menschen, die weniger Abfall produzieren wollen. Auch an der Côte-d’Azur gründen sich in Städten und selbst kleineren Bergdörfern Vereine, die ein Leben ohne Plastikhüllen, Einwegflaschen und Alufolie probieren.

„Es geht nicht nur um Müll. Es geht um eine bessere Lebensqualität“, sagt Laurence Thibaut vom Verein V.I.E in Vence. Denn wer darauf achte, weniger Verpackungen zu kaufen, ändere zugleich viele Dinge im Alltag: Statt abgepackter Brioche gibt es Baguette mit Marmelade zum Frühstück, statt Konserven frische Kost vom Markt und statt mit ständig neuen Plastikspielzeugen können Familien mit ebenso beliebten Murmeln, günstigen second-hand-Produkten oder Gesellschaftsspielen ihre Zeit verbringen. „Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, der führt ein erfüllteres Leben“, sagt Laurence Thibaut.

Tatsächlich gehört Müll zu einer der größten Umweltsünden unserer Zeit: Die meisten Verpackungen bestehen aus Plastik, werden also aus Erdöl hergestellt. Erdöl, das bekanntlich häufig aus Regionen eingekauft wird, die Menschen unterdrücken: beispielsweise aus Kuwait oder Saudi-Arabien. Das ist das kurzfristige politische Problem hinter all dem Plastik. Langfristig aber wird das Plastik für unzählige Generationen die Erde belasten: Eine Plastikflasche bleibt für 1000 Jahre erhalten und löst sich auch dann nur in winzige Teilchen auf, die den Boden verunreinigen. Selbst wenn Plastik fachmännisch verbrannt wird, bleiben Reststoffe übrig, die auf Halden lagern und über Jahrhunderte toxisch bleiben. Das Recyceln ist also nur eine Notlösung, wenn das Plastik schon mal da ist.

Müll vermeiden!

Deswegen sind die Fans von „zéro déchet“ (null Abfall) auch skeptisch gegenüber öffentlichen Kampagnen, den Müll zu trennen und besser zu recyceln. Jeder kennt die Werbung zur Trennung von Müll. Jede Kommune weist darauf hin, in Monaco prangt seit Jahren eine riesige Erdkugel an einem der großen Bürogebäude, um zum „trier et recycler“ aufzurufen. Das ist besser als nichts. Aber Aktivistinnen wie Laurence Thibault sind überzeugt: „Der beste Müll ist der, der gar nicht erst entsteht oder gekauft wird. Recyceln kostet immer Energie, und eine Plastikflasche kann ohnehin nur rund fünfmal wiederverwendet werden; danach muss auch sie verbrannt werden.“

Wie sind überhaupt die Quoten in Südfrankreich? Traditionell ist die Region bekannt dafür, nur wenig Müll zu trennen. Weder in den Schulen noch in öffentlichen Gebäuden gibt es dafür die notwendigen Abfalleimer, viele Menschen wissen nicht, welche Müllsorte beispielsweise in die gelbe Tonne gehört. Dabei ist es in Frankreich eigentlich einfacher zu trennen als in Deutschland: Hier gehören nur die Plastikflaschen, etwa von Milch oder Sodagetränken, in die gelbe Tonne. Anders als in Deutschland werden Verpackungen für Käse, Joghurtbecher oder Obst-Schalen nicht vom normalen Hausmüll getrennt. Auch deswegen sind die meisten gelben Tonnen oben nur mit einer kleinen Öffnung versehen, durch die genau eine Plastikflasche passt.

Plastik: Weniger als 20 Prozent recycelt

Ob diese dann tatsächlich wiederverwendet werden, ist ein offenbar nicht zu lösendes Geheimnis. Genaue Quoten möchten weder die Stadt Nizza noch die verantwortlichen Müll-Unternehmen nennen, angeblich, weil die Quoten schwanken würden. Frankreichweite Zahlen aber belegen, dass Plastik in den allermeisten Fällen auch Müll bleibt: Jedes Jahr entstehen rund 1,7 Millionen Tonnen Plastikabfall in der Republik. Weniger als 20 Prozent davon werden recycelt, das heißt nur jede fünfte Plastikverpackung kann noch einmal wiederverwendet werden. Weitere 37 Prozent werden als Energiequelle genutzt, die Energie beim Verbrennen wird also aufgefangen. Aber die verbleibenden gut 40 Prozent landen einfach auf der Müllhalde. Dort werden sie entweder gepresst, gelagert oder eben verbrannt – womit sie wiederum giftige Stoffe zurücklassen.

Die Quote von zwanzig Prozent wiederverwendetem Plastik ist gegenüber den skandinavischen Ländern, in denen rund 80 Prozent recycelt werden, eine sehr magere Zahl.

„Jeder Müll bleibt kompliziert, ob wiederverwertet oder nicht“, sagt Laurence Thibault. Es ist in jedem Fall ein langer Prozess. Eine recycelte Plastikflasche wird nicht einfach gewaschen und wiederbenutzt. Nein, sie wird erst nach ihrer Plastikart sortiert, dann gewaschen, zu kleinen Bällchen gehäckselt und wieder sortiert. Anschließend wird sie meist in einer weiteren Fabrik erneut gewaschen, zu noch kleineren Pailletten gehäckselt, wiederum gewaschen und gesiebt. Auch hier wird also viel Energie benötigt, um mit dem alten Plastik noch mal was anzufangen.

Die schwarzen Schafe in Europa sind Franzosen aber nicht. Auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält, die Deutschen seien umweltfreundlicher: Im EU-Vergleich produzieren Deutsche seit Jahren den meisten Verpackungsmüll. Im Jahr 2016 fielen 18,16 Millionen Tonnen an, wie das Umweltbundesamt mitteilte. Das waren 0,05 Prozent mehr als im Vorjahr und 220,5 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Der Verpackungsverbrauch in Deutschland liegt damit weiterhin deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 167,3 Kilo pro Kopf. 2015 lag Deutschland vor allen anderen Ländern, für 2016 liegen bis auf den Durchschnittswert noch keine Vergleichszahlen vor. Allerdings war der Abstand im Jahr zuvor so groß, dass Deutschland auch dieses Mal auf Platz eins landen dürfte – Frankreich ist im Mittelfeld.

Die Übeltäter: Wegwerfprodukte & Co.

Schuld an den schlechten Zahlen in Europa sind laut Bundesumweltamt Lebensmittel, die in kleinen Portionen aufwändig verpackt werden, Schuld sind per Internet bestellte Waren, die in großen Kartons mit Styroporkugeln ankommen, und Schuld sind generell Wegwerfprodukte wie der beliebte Coffee-to-go im Papp-oder gar Plastikbecher in der Stadt.

Grundsätzlich haben die Städte an der Côte-d'Azur natürlich auch ein Interesse daran, die Müllberge zu verkleinern. Schließlich sind es ihre Angestellten, die die Tonnen leeren müssen, und sie haben es zu bezahlen und organisieren, wenn Berge an Hausmüll verbrannt werden müssen. Auch deshalb gibt es in den meisten Kommunen inzwischen Kompost-Tonnen, die die Rathäuser kostenlos zur Verfügung stellen. Denn Küchenabfälle wie beispielsweise Kartoffelschalen, Eier-Schalen oder Karotten-Grün gehören in den Garten – entweder in den Komposter oder direkt als Dünger auf die Beete. Die Regenwürmer und Bodenbakterien verwandeln jedes Grünzeug zuverlässig in Humus.

Aktionen an der Côte d’Azur

Laurence Thibault ist eine dieser unermüdlichen Frauen – denn seltsamerweise kümmern sich mehrheitlich Frauen um das Thema Müll –, die in den vergangenen Jahren viel an der Côte bewegt haben. Ihr Verein geht in Schulen, hält Vorträge und klärt auf Festivals darüber auf, wie wir alle uns vom Müll verabschieden können. Auch im Hinterland von Nizza, im Bergdorf Levens, bauten sie auf dem Natur-Fest „Vert Azur“ ihre Miniaturküche auf: Ihr Poster einer plastikfreien Küche sieht aus wie aus einer Wohn-Zeitung, charmant und klar. Denn nachhaltige, das heißt wiederverwendbare Materialien sind einfach schöner anzusehen als die Erdölprodukte. Dort sind beispielsweise waschbare Putzlappen aus Stoff zu sehen, Nudeln und Müsli in Einmachgläsern, selbstgemachtes Spülmittel im Glasflakon. „Es ist eine Umstellung, die Zeit braucht, aber sehr gut tut – der Umwelt und uns selbst“, sagt Laurence Thibault.

In Levens fanden sich viele Neugierige um den abfallfreien Showroom – vielleicht auch, weil in der Stadt 20 Kilometer nördlich von Nizza ein weiterer Öko-Verein mit dem provenzalischen Namen „Aujà“ arbeitet: Aujà hat im ersten Jahr seiner Gründung einen gemeinsamen Hühnerstall gebaut, im zweiten dann ging es darum, „zero déchet“ zu promoten. „Wir haben Ateliers dazu veranstaltet, wie wir Weihnachtsgeschenke beispielsweise mit Zeitungspapier und Blättern aus der Natur hübsch verpacken können, wir haben gelernt, Waschmittel günstig selbst anzurühren, und Stoffsäckchen genäht, mit denen wir unser Obst und Brot einkaufen“, erzählt Maud Solivérès, eine der Gründerinnen von Aujà.

Nach den Sommerferien soll es mit den örtlichen Geschäften weitergehen: Vorbild ist hier der Verein „zéro déchet“ in Nizza, der Aufkleber entwickelt hat. Kundinnen und Kunden werden durch den Sticker an der Geschäftstür dazu aufgefordert, ihre eigenen Dosen und Tüten mitzubringen. Das Ziel ist, Menschen dafür zu begeistern, ihr Obst und Gemüse in eigenen Stoffbeuteln zu wiegen, ihre Edelstahldose mit zum Fleischer oder Fischverkäufer zu bringen und auch beim Bäcker einfach mal „nein“ zu sagen, wenn die Verkäuferin das Brot in Papier hüllen möchte. Eine Papiertüte mag auf den ersten Blick unproblematisch erscheinen, allerdings kommen Marktverkäufer an einem Morgen schnell auf einige hundert Tüten.

Test-Familien gesucht

In Vence – das dank der Vereine gerade zum Mekka der Zéro-Déchet-Orte in Frankreich avanciert – und Umgebung wird es nun ernst: in Antibes, Le Cannet, Mougins, Mandelieu-La Napoule, Théoule-sur-Mer, Opio, Roquefort-les-Pins und Chateauneuf-de-Grasse wurden Familien gesucht, die bis März 2019 versuchen wollen, ohne Müll zu leben. „Wir werden zeigen, dass es möglich ist“, sagt Laurence Thibault. Die Familien werden beraten, wie sie einkaufen und konsumieren können.

Denn inzwischen ist auch das in Südfrankreich einfacher geworden. Beispielsweise, indem man in einem der Läden einkauft, die an der Côte d’Azur lose Waren, also „en vrac“ anbieten: In den meisten Bioläden können Kunden inzwischen Müsli, Trockenfrüchte, Kekse, Mehl, Nudeln und Nüsse in eigenen oder bereit gestellten wiederverwertbaren Behältern abfüllen. In Mouans-Sartoux gibt es schon seit 2012 ein Geschäft, in dem jeder ohne Müll nach Hause geht (www.boomerang.bio), seit vergangenem Herbst haben nun auch Nizza und Saint-Laurent-du Var ihre „zéro déchet“-Läden (www.magasin-biobulle.fr/gamme_produits/vrac/). Außerdem sind gute Reflexe wichtig: beispielsweise beim Bäcker blitzschnell zu sagen, dass man das Brot ohne Papier mitnehmen möchte. Am Marktstand schnell den Stoffsack reichen, um die Nektarinen darin zu wiegen. Und das T-Shirt oder Buch an der Kasse in der eigenen Tasche zu verstauen.

Dann gehen Sie mülltechnisch bald so leer aus wie Laurence Thibaut. Sie selbst produziert nämlich nur einen 20-Liter-Sack mit Müll. Und zwar alle drei Monate.

Annika Joeres

 

Das gehört in Frankreich in die gelbe Tonne
Plastikflaschen aller Art, Konservendosen, Sprühdosen, Verpackungen aus Karton, Zeitungen/Magazine/ Prospekte (sofern keine Extra-Tonne vorhanden), Briefumschläge, Verbundverpackungen (wie Tetra Pak) …

… und das gehört NICHT hinein
Joghurtbecher, Zahnpastatuben, Plastiktüten und Plastik-Umverpackungen, Styropor-Verpackungen, Alufolie, Packpapier, verschmutztes Papier …