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Trocken, heiß, windig: Rückblick auf die Feuer-Saison 2017

CÔTE D’AZUR & PROVENCE

Ein gefährlicher Wetter-Cocktail bescherte dem Departement Var im vergangenen Sommer vier Großbrände. Sorgt der Klimawandel für heftigere Feuer? Wie geht es der Natur heute? Vincent Chéry, stellvertretender Direktor der unter anderem für Wald zuständigen Behörde Direction Départementale des Territoires et de la Mer (DDTM) im Var, sprach mit RZ-Redakteurin Aila Stöckmann über die Feuer-Saison 2017.

Der Südosten Frankreichs hat extrem trockene Monate hinter sich. Schon im Frühjahr wurde – nicht nur – im Departement Var ein Regendefizit verzeichnet. Hatte das mehr Waldbrände als üblich zur Folge?
Nein. Es stimmt, dass der Sommer außergewöhnlich trocken und heiß war - vergleichbar dem Sommer von 2003, in dem wir mit besonders großflächigen Bränden zu kämpfen hatten. Aber die Wetterbedingungen haben keinen Einfluss auf die Anzahl von Feuern, sondern vielmehr darauf, wie schnell und wie weit sie sich ausbreiten. Zwar hat es vergangenen Sommer wie gewohnt viele Brandherde gegeben, aber die meisten Feuer konnten schnell unter Kontrolle gebracht werden. Trockenheit, Hitze und Wind haben allerdings dazu geführt, dass es zu vier ausgesprochen großen Bränden kommen konnte.

Welche Großbrände waren das?
Zwei sind am 24. Juli ausgebrochen: das erste um 19.35 Uhr in La Croix-Valmer Richtung Cap Taillat und Golf von Saint-Tropez, bei dem 527 Hektar in Flammen aufgingen, darunter ein Großteil unter Naturschutz stehende Fläche. Das zweite entzündete sich später am Abend im Haut-Var, in Artigues. Dort verbrannte eine Fläche von 1704 Hektar. Ein weiteres großes Feuer brach am Folgetag, am 25. Juli, gegen 23 Uhr in La Londe aus und vernichtete 1423 Hektar. Und schließlich entzündete sich ein weiteres Großfeuer am 2. September in Hyères, das sich wiederum Richtung La Londe ausbreitete und 431 Hektar zerstörte.

Eine schlimme Bilanz also!
Ja, in Bezug auf die verbrannte Fläche war es ein schlechtes Jahr. Verglichen aber wiederum mit dem markanten Sommer 2003 sind die Zahlen weitaus besser: Bei ganz ähnlichen klimatischen Verhältnissen – viel Wind, viele Tage mit hohem Waldbrandrisiko – ist viel weniger zerstört worden als damals.

War das Glück im Unglück, oder hat man aus 2003 gelernt?
Viele Bekämpfungs-Maßnahmen existierten auch vor 2003 schon, aber sie wurden seither in der Tat verschärft. Das heißt, an der Präventionsarbeit wurde gefeilt, an der besseren Überwachung, dem schnelleren Eingreifen … Schon um den Ausbruch eines Feuers zu verhindern oder seine Ausbreitung zu drosseln, wird jede Menge getan – in den Gemeinden, von den Forstarbeitern, die für befahrbare Wege und Wasserreserven sorgen und sich ums débroussaillement (Entfernen flachen Buschwerks an Waldrändern, um die Ausbreitung von Feuer zu erschweren, Anm.d.Red.) kümmern. Hinzu kommt ein größeres Bewusstsein in der Bevölkerung, an dem gezielt gearbeitet wird, einschließlich der Verbote, Feuer zu machen und an bestimmten Tagen Wälder überhaupt zu betreten. Und eben die Überwachung: Zum einen gibt es Aussichtspunkte, von denen eine Rauchentwicklung frühzeitig entdeckt werden kann, zum anderen setzen wir mit Wassertanks ausgestattete Fahrzeuge ein, die im Wald Patrouille fahren, um nach dem Rechten zu sehen und schnell eingreifen zu können. Denn es heißt: Wenn man ein Feuer bei schwierigen meteorologischen Bedingungen rechtzeitig eindämmen will, hat man zehn Minuten Zeit.
Sollte trotz allem doch ein Feuer ausbrechen, kommen die Feuerwehrleute einschließlich Löschflugzeugen und -Helikoptern ins Spiel, wobei der Bekämpfung aus der Luft eine besonders wichtige Rolle zukommt.

Wie konnten die vier großen Feuer im Sommer ausbrechen?
Sie wurden jeweils von Menschenhand verursacht. Ob es sich um Brandstiftung oder fahrlässiges Entfachen von Feuern handelt, wird noch untersucht. Grundsätzlich werden 95 Prozent aller Brände vom Menschen ausgelöst.

Ist an der Côte d’Azur im Zuge der Klimaerwärmung mit immer mehr beziehungsweise größeren Feuern zu rechnen?
Wir müssen hier von immer heißeren und trockeneren Sommern ausgehen – also lautet die Antwort: Das Risiko für Waldbrände wird weiter zunehmen.

Was geschieht nach einem Waldbrand?
Zunächst einmal wird die abgebrannte Fläche beobachtet, denn grundsätzlich ist es besser, dass die Natur sich selbst heilt. Eine Wiederaufforstung ist teuer und funktioniert häufig schlecht, zumal in klimatisch schwierigen Gegenden wie hier – kommt also nur in Ausnahmefällen in Frage. Problematisch wird es dann, wenn es nach einem radikalen Brand stark regnet: Dann kann es zu schlimmer Erosion kommen, bei der das Erdreich weggespült wird, das für eine Erneuerung der Vegetation unabdingbar ist. Dagegen kann vorab mit Faschinen, also in der Erde verankerten Reisigbündeln, angegangen werden.

Wie lange dauert es, bis eine Fläche sich regeneriert hat?
Erstes Grün, also Kräuter und kleine Büsche, wächst erstaunlich schnell wieder. Damit an einer Stelle aber erneut ein Wald steht, der diesen Namen verdient, braucht es mindestens 25 bis 30 Jahre. War der verbrannte Wald 150 Jahre alt, können Sie selbst ausrechnen, wie lange es dauert, bis der Ausgangszustand wieder erreicht ist.
Eine Ausnahme bilden die Korkeichen, die dank ihrer Rinde äußerst feuerresistent sind! Korkeichen schlagen spätestens im nächsten Frühjahr wieder aus, vorausgesetzt, sie sind nicht durch frühere Feuer bereits zu stark angegriffen. Pinienwälder wiederum überleben ein Feuer normalerweise nicht. Dort dauert es, bis erste junge Pinien wieder aus dem Boden sprießen.

Was passiert mit der Fauna bei einem Waldbrand?
Einige Tiere, größere Säugetiere und Vögel, schaffen es zu fliehen. Insekten und Reptilien, darunter die im Var heimische Landschildkröte, haben keine Chance. Neue Tiere siedeln sich Schritt für Schritt mit dem Nachwachsen der Vegetation an.

Wie geht es dem Departement Var heute, nach der Feuer-Saison 2017?
Gar nicht so schlecht … Verglichen mit 2003 ist nur ein Sechstel der damaligen Fläche verbrannt. Aber was uns Sorgen macht, ist die weiter anhaltende Trockenheit!

 

Regendefizit
Mitte Oktober hatte sich im Departement Var – verglichen mit den durchschnittlichen Niederschlagsmengen – ein Regendefizit von 40 bis 90 Prozent angesammelt. Die Zahlen sind enorm, denn schon ein normaler Sommer in Südfrankreich ist heiß und trocken.
Die Bodenfeuchtigkeit lag zu dem Zeitpunkt im gesamten Departement 90 Prozent unter Normalwerten.

Zahlen & Fakten
Waldbrände im Var 2017
- 103 Brände haben 4150 Hektar Wald vernichtet
- 7 Feuer wurden gezählt, die jeweils mehr als 10 Hektar Wald zerstörten
- 45 Brände entzündeten sich allein im Juli (zerstörte Fläche: 3661 ha), 24 im August (2,42 ha), 7 im September (470 ha)
- Die meisten Waldbrände entzündeten sich im Herzen des Var (Provence verte), die schlimmsten aber entwickelten sich an der Küste und im Hochland
- Zum Vergleich: 337 Brände brachen im Var im selben Zeitraum im städtischen Raum aus, darunter allein 182 in den Sommermonaten Juli und August
(Stand: September 2017)