Haupt-Reiter

Untrügliche Nase: Dior-Ausstellung eröffnet morgen in Grasse

MENSCHEN

Dior? Kennt jeder – auch 60 Jahre nach dem Tod des Gründers. Dior-Parfüme stehen nach wie vor in den Regalen mit den teuersten Düften, Dior-Werbung ist legendär. Aber wussten Sie, dass der Modemacher einen engen Bezug zu Grasse und Umgebung hatte? Zu erkunden ab morgen im dortigen Internationalen Parfümmuseum MIP.

DiorEr war längst nicht der erste «Couturier-Parfumeur» des vergangenen Jahrhunderts. Da gab es Paul Poiret, der ab 1911 nicht nur Mode schuf, sondern passendes Parfüm gleich dazu – und so die heute fast unvermeidliche Luxus-Kombi «Klamotte plus Duft» ins Leben rief. Oder Coco Chanel, die 1921 ihr No.5 herausbrachte, gefolgt von Jeanne Lanvin, die 1927 Erfolg mit Arpège feierte. Aber auch Christian Dior konnte sich seine Mode nicht ohne passendes olfaktives Accessoire vorstellen.

Die am morgigen 17. Mai beginnende Sommer-Ausstellung im Grasser Parfümerie-Museum MIP zeigt, was hinter der berühmten Marke steckt. Sie ergründet die Anziehungskraft, die der Süden Frankreichs auf den Namensgeber aus der Normandie ausgeübt hat – vor allem das Licht und die damals üppig blühenden Parfümpflanzen, die sein Schaffen nachhaltig beeinflussen sollten. Historische Dior-Flacons und Plakate, Fotos und historische Dokumente, Möbel aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, Gemälde, Kleider des Couturiers Dior, Videos, interaktive Bildschirme und natürlich Duftproben von Dior-Parfüms vermitteln dem Besucher en passant ein Bild von dem Mann, der 1957 mit nur 52 Jahren überraschend einem Herzinfarkt erlag, dessen Lebenswerk aber noch immer quietschfidel in jeder Parfümerie für Umsatz sorgt.

Dior-FlaconSpäte Berufung

Christian Diors Leben ist untrennbar verbunden mit den unterschiedlichen künstlerischen Strömungen seiner Epoche. «Er suchte eine Weile seinen Weg, ehe er recht spät zu seiner eigentlichen Berufung fand», sagt Olivier Quiquempois, Direktor des Parfümerie-Museums und der übrigen städtischen Museen in Grasse. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg habe Dior begonnen Kleider zu entwerfen, 1946 schließlich er sein eigenes Label gegründet, das Maison Dior.

«Damit wurde er schlagartig berühmt», erklärt der Kunsthistoriker, «wohl auch dank seines guten Netzwerks im künstlerischen, wirtschaftlichen und journalistischen Milieu. Außerdem vermochte er den Zeitgeist zu lesen; er hatte das richtige Näschen und wusste, was die Leute wollten.»

Dabei war dem sehr ruhigen, diskreten Mann, der gleichzeitig ausgesprochen anziehend auf seine vielen Freunde wirkte, eigentlich ein ganz anderer Weg vorgezeichnet. Er stammte aus einer wohlhabenden Industriellen-Familie aus der Normandie und sollte in die Fußstapfen des Vaters treten. Er selbst jedoch hatte schon als Jugendlicher einen Sinn für die Kunst und wollte Architektur studieren, was er zu Hause allerdings nicht durchsetzen konnte. So schrieb er sich 18-jährig in Paris stattdessen für Politikwissenschaften ein – und tauchte den Eltern zum Trotz in die dortige Künstlerszene ein. 1927, den Abschluss in der Tasche, brach er endgültig mit dem Konventionellen und eröffnete mit einem Freund eine Galerie. Dalí und andere Surrealisten stellen bei ihm aus.

Ruin in der Folge der Weltwirtschaftskrise

Finanzielle Nöte kannte der junge Mann bis dahin nicht. Doch die Weltwirtschaftskrise ruinierte im Jahr 1931 seine Familie, die urplötzlich alles verlor. Auch Diors Galerie lief schlecht, für Kunst war kein Geld mehr da. Also hieß es anderweitig den Lebensunterhalt verdienen. Christian Dior nahm verschiedenste Jobs an; der Zufall führte ihn schließlich in ein Modehaus, wo er Kleider zeichnete. Seine Entwürfe kamen an, mit dem Einkommen kam Dior gut über die Runden – und er hatte sich einen Namen gemacht. Mit Kriegsausbruch jedoch war auch diese Karriere vorerst vorüber. Seine Familie – Vater und Schwester; die geliebte Mutter war drei Jahre zuvor gestorben – hatte sich schon in der Folge der Krise im Jahr 1934 in den Süden Frankreichs zurückgezogen, wo das Leben schlichtweg billiger war. Christian hatte bei regelmäßigen Besuchen im neuen Familienheim in Callian im Var seine Liebe zur Provence entdeckt.

Dior-ParfumWährend des Krieges zieht auch er sich für eine Weile hierhin zurück. Mit seiner Schwester Catherine begeistert er sich wieder für Gärten, für den Anbau von Obst und Gemüse und vor allem von Blumen – eine Passion, die er früher mit der Mutter geteilt hatte. Auch nach dem Krieg stattet Christian seiner Schwester häufig Besuche ab. 1950 kauft er sich sein eigenes Domizil im benachbarten Montauroux, die Domaine de la Colle Noire, und baut dort Duftrosen, Jasmin und Lavendel an. Er empfängt dort aber auch Künstler-Freunde wie Bernard Buffet, Marc Chagall, Marie-Blanche de Polignac, René Gruau oder Marie-Laure de Noailles. Das Anwesen mit seinem großzügigen Château aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist jüngst vom Hause Dior zurückerworben und zu Repräsentationszwecken restauriert worden. Schwester Catherine lebte noch bis zu ihrem Tod im Jahr 2008 in Callian und baute Centifolia-Rosen an.

Dior begründet den "New Look"

Voller Leidenschaft hatte Dior seit Ende 1946 an seiner Marke gearbeitet. Der Textilfabrikant Marcel Broussac gewährte ihm finanzielle Unterstützung. Die erste Mode-Kollektion des neu gegründeten Hauses kam Anfang 1947 heraus und begründete den «New Look» – üppiger und femininer als das sportlichere Chanel, hüft- und brustbetonend, im Umgang mit Material geradezu schockierend verschwenderisch nach den kargen Kriegsjahren. Und passend dazu erschien ein Parfüm: Miss Dior.  

Zu dem bis heute erhältlichen Duft inspiriert hat den Designer das Pays de Grasse. Es spielt mit Noten von Rose und Lavendel und gilt den Parfüms anderer Modehäuser jener Zeit gegenüber als deutlich überlegen. Dior selbst gab grundsätzlich nicht nur die Richtung eines Parfüms vor, er entwarf auch sämtliche Flacons und Verpackungen selbst. Sie sollten, so sein Anspruch, dem hochwertigen Inhalt gerecht werden.

War für Miss Dior Parfumeur Paul Vacher verantwortlich, so werden die folgenden Düfte vom in Cabris oberhalb von Grasse lebenden Dior-Freund Edmond Roudnitska geschaffen: Diorama, Eau Fraiche, Diorissimo und Eau Sauvage. Bis heute haben die Parfümeure des Unternehmens einen engen Bezug zu Grasse. Seit 2006 ist der gebürtige Grassois Francois Demachy die Nase der Maison Dior. Im vergangenen Jahr hat er sein Atelier aus Paris an den Rand der Grasser Altstadt verlegt (die RZ berichtete).

70 Jahre "Miss Dior"

Genau 70 Jahre nach Diors erster Schau mit der als New Look berühmt gewordenen Kollektion und der Einführung von «Miss Dior» war die Zeit nun reif für die Ausstellung «Christian Dior – Esprit de Parfums». Das Haus Dior trägt großzügig mit Leihgaben bei und neben zahlreichen Museen und Privatpersonen auch das Dior-Museum in dessen Heimatstadt Granville.

«Wir hatten Lust, diese Verwurzelung Diors mit dem Süden zu zeigen. Entsprechend geht es in unserer Ausstellung weniger um seine Arbeit als Couturier als um seine Parfüme. Trotzdem wird es natürlich Kleider zu sehen geben», verrät Museumsdirektor Olivier Quiquempois.

Mit dem Thema haben sein Team und er es sich nicht leicht gemacht: «Wir wollen keinesfalls der Marke huldigen», insistiert der Kunsthistoriker, «sondern vielmehr den Künstler dahinter vorstellen.»

Aila Stöckmann

 

«Christian Dior – Esprit de Parfums»

Die Ausstellung ist vom 17. Mai bis 1. Oktober im Musée International de la Parfumerie in Grasse zu sehen. Geöffnet täglich von 10 bis 19 Uhr, im Winterhalbjahr bis 17.30 Uhr. Eintritt: 6 Euro www.museesdegrasse.com