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Zum Tode von Karl Lagerfeld: Ein Leben für die Katz

MENSCHEN

Da weiß man echt nicht, ob man lachen oder weinen soll: Der alte Côte-d’Azur-Stammgast Karl Lagerfeld ist nicht mehr. In Windeseile ging die Nachricht um die Welt, die er so oft mit seinem schrillen Outfit und ungezählten locker-flockigen, selbstironischen, bisweilen aber auch frechen Sprüchen wechselweise erheitert beziehungsweise verärgert hatte. Nun ist sein Wille geschehen: «Ich sterbe lieber, als ich beerdigt werde.»

Tod LagerfeldFolglich wurde der letzte Pariser Modezar schon wenige Tage nach seinem Hinscheiden dem Feuer übereignet, obwohl er lieber «wie ein Urwaldtier» verschwunden wäre. Sein Wort «ich bin der Welt abhandengekommen» erlangte plötzlich neue Aktualität. Was von der sterblichen Hülle des aus Hamburg stammenden großen Couturiers übrig blieb, soll seinem letzten Willen zufolge mit der Asche seiner deutschen Mutter und seines engsten, schon vor dreißig Jahren verstorbenen Freundes Jacques de Bascher vermischt worden sein – zur weiteren Legendenbildung an einem geheimen Ort.

Offiziell teilte sein Pariser Modehaus lediglich mit, es werde «keine öffentliche Zeremonie oder Würdigung» geben. Tatsächlich waren beim sehr privaten Abschied am Krematorium von Nanterre nur enge Vertraute zugegen. Unter ihnen Prinzessin Caroline von Monaco und ihre Tochter Charlotte Casiraghi sowie Lagerfelds rechte Hand und Nachfolgerin bei Chanel, Virginie Viard. Und natürlich die unsägliche Kreatur, die dem Verblichenen von allen Lebewesen am nächsten stand und die er am liebsten geheiratet hätte: seine Hauskatze Choupette («Süße»), die ausnahmsweise nicht im Privatjet angereist war, sondern sich sänftenartig in einer Tasche herbeischweben ließ.

Gott sah sich in Schwulitäten, weil er nicht wusste, was er zur Begrüßung des «Kaisers» anziehen sollte, spottete das Satireportal Postillon: «Ratlos verharrte er vor seinem Kleiderschrank, zog seine Erzengel zu Rate und beschwor am Ende Petrus, sich etwas einfallen zu lassen, um den supereitlen Erdling am Himmelstor zurückweisen zu können, zum Beispiel, weil er sich mit gefaketen Geburtsdaten oft jünger gemacht hatte als er tatsächlich war, nämlich 85.

Auch der Entertainer Harald Schmidt rätselte herum, «was sind die Dos, die Dont’s und Must-Haves für den finalen Auftritt?», und «wenn die Engel künftig Chanel tragen – wie soll sich dann der Teufel kleiden?».

Birma-Katze Choupette indessen, deren Schweif der Designer gern mit Boafedern und ihre blauen Augen mit Sternsaphiren verglichen hatte, lachte sich verschmitzt in die Tatze. Kein Wunder: Testamentarisch erbt «die Süße» schließlich Millionen, sobald alle diesbezüglichen juristischen Fragen geklärt sind. Nach deutschem Recht kein Problem, sofern damit eine Stiftung oder so was verbunden ist, hat «Le Figaro» recherchiert. Was aus den ganzen Luxusappartements ihres einstigen Gebieters in Paris und Monte-Carlo, Rom und New York sowie aus der chanelschen Schickimickiboutique in Saint-Tropez werden soll, ist vielleicht noch ungeklärt. In jedem Fall muss auch entschieden werden, ob Choupette ihren Flieger und all die Domestiken behalten kann, wenn sie demnächst bei dem 39-jährigen US-Dressman Brad Kroenig einziehen sollte, Lagerfelds letzter Muse.

Schon 2012 hatte der Modestar geeifersüchtelt, seine Mieze sei inzwischen «berühmter (…) als ich». Doch weil er die 2011 als Guimauve du Blues Daphnée geborene Diva so sehr liebte, bastelte er weiter an ihrem Image der Unnahbarkeit und stilisierte sie systematisch zu einer miauenden Greta Garbo hoch.

Als Gallionsfigur ihrer Kampagne gegen Pelze kann sich Brigitte Bardot die Choupette praktisch abschminken. Der persönliche Brandbrief, den ihr die berühmte Tierschützerin aus Saint-Tropez geschickt hatte und mit dem sie den Katzennarr Karl bezirzen sollte, fürderhin Rauchwarenkollektionen abzuschwören, hat seinen Gegenstand verloren.

Lagerfelds Vermögen wird von informierten Kreisen auf rund 400 Millionen Euro, sein Jahreseinkommen zuletzt auf rund 40 Millionen geschätzt. Insofern hatte er gut reden, wenn er prahlte, er gebe sein Geld mit vollen Händen aus. «Denn was bei mir oben zur Tür rausgeht, kommt unten wieder rein.» Nicht nur, dass der Hanseat aus seinem unermüdlichen Schaffen bei Balmin, Patou, Chloé, Fendi, Chanel, Hennes & Mauritz sowie aus seiner eigenen Marke reichlich Kapital schlug. Auch an externen Aufträgen verdiente er üppig, mit seinem Steiff-Teddybär und einer Coca-Cola-Flasche beispielsweise und der Zusammenarbeit mit Madonna, Kylie Minogue und Swarowski.

2008 hatte Lagerfeld sein Personal reduziert. Rund um die Uhr standen ihm zuletzt nur noch ein Zimmermädchen, ein Koch und zwei Chauffeure zur Verfügung. Um Choupette, die über Accounts bei Twitter, Instagram und Facebook verfügt, kümmern sich darüber hinaus zwei Dienstmädchen. Die Katzenmenüs werden von ihrem eigenen Hauskoch zubereitet. Bei Tisch thronte sie gleichberechtigt neben dem Hausherrn. Zu ihren Leibgerichten gehörte Kaviar. Selbstverständlich hatte Choupette auch einen eigenen Bodygard.

Wie Karl war sie gut beschäftigt: Sie warb für Autos und Kosmetika, womit sie allein 2014 rund drei Millionen Euro hinzuverdiente. Zudem trat sie mit Giselle Bündchen und Linda Evangelista als Covermodell auf. Unter den Titeln «Monster Choupette» und «Choupette in Love» entwickelte Lagerfeld für sie eigene Linien für Accessoires wie Socken, Schlüsselanhänger, Taschen und T-Shirts. Aus einem Interview des New York Magazines mit Lagerfeld destillierte die Süddeutsche Zeitung ein fiktives Gespräch mit ihr, in dem Choupette von sich selbst stets in der dritten Person berichtete.

Am Mittelmeer, wohin er praktisch jedes Jahr reiste, werden die Lücken, die das hanseatische Original hinterlässt, nur schwer zu schließen sein. Kein hochsommerliches Defilee mehr die Hafenpromenade von Saint-Tropez entlang, kein vergleichbarer Glanz mehr im Hause «La Mistralée» an der nahen Place Blanqui, wo sich Chanel vor rund zehn Jahren etabliert hatte. Kein Renommieren mehr seines Lieblingshotels im Quartier de la Quessine von Ramatuelle, kein Besuch mehr beim internationalen Nachwuchs-Modefestival in der Villa Noailles von Hyères-les-Palmiers, dem Chanel seit Jahren als privilegierter Partner verbunden ist. Und in Monaco schließlich wird kein Lagerfeld mehr den Bal de la Rose ausstaffieren.

Frankreichs ehemalige Première Dame, Carla Bruni-Sarkozy, hat schon Recht, wenn sie Karls Tod mit den Worten kommentierte: «Danke für die Schönheit und Leichtigkeit und Farbe, die du in diese so graue und schwermütige Welt getragen hast.»

Über sein extrem arbeitsreiches und asketisches Leben («Die tägliche Arbeit, in der ich meine Erfüllung gefunden habe, ist für mich wie atmen, daher brauche ich auch keinen Urlaub. Ich rauche nicht, ich trinke nicht und gehe nur selten aus – Leute wie ich langweilen mich zu Tode»). Was das angeht, mag der Kaiser in Frieden ruhen: Die RZ-Redaktion hat sich mit ihm nie gelangweilt.

Rolf Liffers