Haupt-Reiter

Ärztin Anette Wolf versorgt ihre Patienten heute dreisprachig

WISSENSWERTES

Andere schielen mit Anfang 50 fast schon Richtung Rente, Anette Wolf startet noch mal ganz neu durch. Die gebürtige Gummersbacherin (NRW) tauschte ihr rundum glückliches Leben im schönen München mit dem Schritt in ein Abenteuer an der noch schöneren Côte d’Azur. Hier, in Le Cannet oberhalb von Cannes, hat sich die Allgemeinärztin vor gut sechs Monaten einer Praxisgemeinschaft angeschlossen und versorgt seither Einheimische und Zugezogene gleichermaßen – in Französisch, Deutsch oder Englisch. Am Wochenende engagiert sie sich bei SOS Médecins, jener Organisation, die akut Erkrankten einen Arzt ans Bett schickt, wenn der Hausarzt nicht verfügbar ist und der Notruf 15 übertrieben wäre.

Arzt Anette Wolf Südfrankreich DeutschHeute, zweieinhalb Jahre nach dem Umzug in den Süden, ist Dr. Wolf froh und stolz, dass ihr Plan aufgegangen ist. Nie haben sie und ihr Mann ihren Entschluss bereut: «Wir genießen die Mentalität der Menschen hier und die Lebensart. Das Wetter, das gute Essen und unser schönes Zuhause mit großem Garten und zwei Hunden tun ihr Übriges», sagt die 54-Jährige.

Das Timing stimmte. Für ihren Mann, Internist, mit dem sie in München eine Praxis teilte, war es Zeit, sich zur Ruhe zu setzen. Und seit beide sich vor 20 Jahren bei einem Urlaub in ein Haus in Vallauris verguckt hatten, besaßen sie einen Zweitwohnsitz, an dem sie gerne dauerhaft leben wollten. 2016 wurde die Praxis daheim abgegeben, Kartons gepackt und der Sprung ins kalte Wasser gewagt.

Am Anfang würde das Erlernen der Sprache stehen, so viel war klar: Eine Hausärztin, die sich mit ihren Patienten nicht präzise austauschen kann? Undenkbar. Da waren fünf Jahre Schulfranzösisch zwar eine gute Basis, aber längst nicht ausreichend. Also hieß es Sprachschule – «die beste Entscheidung!» wie Anette Wolf rückblickend feststellt. Mehrere Monate drückte sie intensiv die Schulbank, nebenher ging sie Administratives an: Sie brauchte die Zulassung als Ärztin in Frankreich. Später begleitete sie Kollegen monatelang während der Sprechstunde: «So habe ich mir quasi aus der zweiten Reihe vieles aneignen können.»

Fachterminologie, der Einsatz von Medikamenten, das Gesundheitssystem – all das ist in Frankreich fundamental anders als in Deutschland, sagt die Allgemeinmedizinerin. Heute weiß sie, dass Doliprane im Hexagon das Schmerzmittel schlechthin ist, dass Hausbesuche viel gängiger sind als zumindest in München und dass bei der Verordnung von Medikamenten wie zum Beispiel Antibiotika oder Cortison andere Gewohnheiten gelten.

Längst steht die Deutsche ihren französischen Patienten ohne Scheu gegenüber und blickt ausschließlich auf positive Erfahrungen: «Wenn man Kompetenz und Ruhe ausstrahlt, dann läuft das schon. Und fehlt mir mal ein Wort, so bieten die Patienten mir eines an – oder packen sogar ihr Schuldeutsch aus.» Ohnehin, so schmunzelt Anette Wolf, sei der Respekt dem Arzt gegenüber hier unten deutlich ausgeprägter, als sie das aus der Heimat kannte.

Besonderen Spaß bringt ihr der Einsatz bei SOS Médecins (siehe Kasten). «Dort begegne ich den unterschiedlichsten Menschen, vom Obdachlosen bis zum Patienten am Cap d’Antibes, wo ich von Personal empfangen werde», berichtet «Frau Dr. Sonntag». So wird sie von den Kollegen beim Notdienst gern genannt, weil sie meist die Sonntagsschicht übernimmt. «Jeder Fall im Einsatz für SOS Médecins ist eine neue medizinische Herausforderung», sagt sie.

Ausgestattet mit Basis-Equipment von Stethoskop und Blutdruckmessgerät über Fieberthermometer bis zum Herzinfarktschnelltester plus Notfallmedikamenten und natürlich ihrem Handy, fährt sie von Patient zu Patient. Abwechselnd mit fünf anderen Ärzten deckt Anette Wolf die Stadt Antibes und Umgebung ab. Der «standard», die Telefonzentrale mit medizinisch geschultem Personal, gibt ihr durch, wo der nächste dringende Fall auf sie wartet.

«Vor Ort gilt es, sich erstmal in Ruhe zum Patienten zu setzen und ihn erzählen zu lassen. In der Medizin sind außerdem noch immer Sehen und Fühlen ganz wichtig.» So bekommt sie schnell einen Eindruck vom Ernst der Lage. In der Regel kann sie das Problem selbst lösen – oder sie entscheidet sich doch, den Notruf 15 zu wählen, was in etwa zehn Prozent der Fälle nötig ist. Interessant sei, wie unterschiedlich die Patienten selbst ihr Problem einschätzen: «Manche rufen mich zögerlich, obwohl sie bereits eine schwere Erkrankung wie etwa eine Lungenentzündung haben», sagt Annette Wolf. «Meine Empfehlung ist, sich bei unklaren Beschwerden lieber frühzeitig medizinischen Rat zu holen.»

Ob in der Praxis oder privat – am meisten begeistert die Deutsche nach wie vor, mit welcher Herzlichkeit sie an der Côte d’Azur aufgenommen wird.

SOS Médecins
Der 1966 in Frankreich gegründete Notfalldienst SOS Médecins verfügt über 63 lokale Zentren. Die für die Organisation arbeitenden Ärzte statten ihren Patienten üblicherweise Hausbesuche ab – besonders zu Zeiten, an denen der Hausarzt nicht verfügbar ist, also nachts und am Wochenende. Der Dienst ist nicht zu verwechseln mit dem Notarzt, der unter der frankreichweit gültigen Rufnummer 15 zu alarmieren ist.
In den Departements Alpes-Maritimes und Var gibt es fünf Zentren von SOS Médecins, in Nizza, Antibes, Cannes, Toulon und relativ neu in Fréjus/Saint-Raphael. Die Zuständigkeitsgebiete der Côte-d’Azur-Zentren decken vor allem die Küstenorte ab, reichen aber meist auch ins Hinterland, im Fall von Cannes beispielsweise bis Grasse, im Fall von Nizza bis Carros.
Jedes Zentrum verfügt über seine eigene Rufnummer und Zentrale.
NIZZA: 04 93 85 01 01
ANTIBES: 0 825 06 70 00
CANNES: 0 825 005 004
FRÉJUS/SAINT-RAPHAEL: 02 33 01 58 65 (nicht durchgängig 24/24, 7/7)
TOULON: 04 94 14 33 33 (einige Orte nur am Wochenende)

www.sosmedecins-france.fr

Von Aila Stöckmann